Deutschland Ungarn Fans EM 2021
Foto: Federico Gambarini/dpa

Stell dir vor, Deutschland spielt im EM-Achtelfinale und keiner geht hin. Genau das droht für das Spiel England gegen Deutschland im Achtelfinale der EM 2021 am Dienstag – zumindest aus Sicht der deutschen Fans. Denn ausgerechnet jetzt steigen die Corona-Zahlen in Großbritannien wegen der als besonders ansteckend geltenden Delta-Variante wieder an.

Werden eingereiste Fans aus Deutschland beim EM-Achtelfinale dabei sein?

Und so ist es sehr unwahrscheinlich, dass reisende Unterstützer des DFB-Teams das Spiel live im Wembley-Stadion sehen werden. Nach aktuellem Stand müssten sich aus Deutschland angereiste Fans nach der Ankunft in Großbritannien zehn Tage isolieren, wobei Tag eins der Tag nach Ankunft ist – der Ankunftstag gilt als Tag null. Zwar besteht die Möglichkeit, sich nach fünf Tagen freizutesten. Allerdings ist das wohl zu knapp für das Spiel am Dienstag um 18 Uhr.

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Auch Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte, glaubt nicht an Fanmassen aus Deutschland. Fans seien bekanntlich aber sehr kreativ. „Das werden aber höchstens Einzelfälle sein und wenn sie es schaffen, wird man sie vor Ort wohl nicht wahrnehmen“, sagte er der dpa.

Wie ist die Corona-Lage in Großbritannien?

Obwohl die Infektionszahlen wegen der starken Ausbreitung der Delta-Variante in England zuletzt deutlich gestiegen sind, bleibt die Zahl der Krankenhauseinweisungen und auch der Todesfälle bisher auf einem sehr niedrigen Niveau. 60 Prozent der Erwachsenen in Großbritannien sind nach Angaben der Regierung vollständig geimpft, mehr als 80 Prozent haben die erste Impfung erhalten.

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England – Deutschland: Wie viele Fans dürfen ins Stadion?

Im Wembley-Stadion zugelassen sind im Achtelfinale nach UEFA-Angaben 45.000 Zuschauer, was einer Auslastung von 50 Prozent entspricht. Voraussetzung ist ein negativer Corona-Test, der nicht älter als 48 Stunden ist. In der Vorrunde waren 22.500 Zuschauer in London erlaubt, im Halbfinale und Finale erhalten mehr als 60.000 Fans Zutritt ins Stadion.

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Was sagen Virus-Fachleute zu den EM-Spielen in London?

Aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes YouGov geht hervor, dass die Mehrheit der Deutschen gegen die geplante Erhöhung der Zulassung im Wembley-Stadion ist. 57 Prozent der Befragten lehnen die Entscheidung ab, die abschließenden drei Partien des paneuropäischen Events in London vor jeweils 60.000 Fans auszutragen. 22 Prozent befürworten es, 20 Prozent machen keine Angabe.

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Und auch Fachleute meinen: Die Spiele in London vor so vielen Fans stellen ein Corona-Risiko dar. Es bestünde unter anderem auch die Gefahr, dass Zuschauer aus dem Ausland die Variante mit in ihre Heimatländer bringen. „Wer nach Großbritannien fährt, läuft Gefahr, sich mit der Delta-Variante zu infizieren. Wir können davon ausgehen, dass 95 Prozent aller Covid-Erkrankungen in Großbritannien auf die Delta-Variante zurückgehen“, sagt der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery.

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Auch die Finalspiele der EURO 2020 ausgerechnet in der englischen Hauptstadt seien wegen der gefährlichen Delta-Variante „keine gute Idee“, sagte Thomas Mertens, der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission. Er rät, den Reiseverkehr nach London zum Spiel stark zurückzufahren und zu kontrollieren.

Wie ist die Stimmung unter den deutschen Fans?

Für die Fans und die allgemeine EM-Stimmung in Deutschland ist die Ausweisung des Vereinigten Königreichs als Virusvariantengebiet und die damit verbundene eingeschränkte Reisefreiheit natürlich ein Schlag ins Gesicht.

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„England gegen Deutschland in Wembley und dann noch im Achtelfinale eines großen Turniers ist ein Spiel, bei dem jeder Fan unbedingt dabei sein möchte“, sagt Michael Gabriel. Man habe bei den drei Spielen in München erlebt, wie gut die Fans im Stadion die Mannschaft trotz der coronabedingten Einschränkungen unterstützt hätten. „Dass dies in London nicht möglich sein wird, ist für die Fans wie ein Tiefschlag.“

Muss die deutsche Mannschaft nach der Rückkehr in Quarantäne?

Zumal für die Spieler der deutschen Nationalmannschaft nicht dieselben strengen Corona-Regeln gelten. Natürlich kann das paneuropäische Turnier in Zeiten der Corona-Pandemie nur so reibungslos vonstatten gehen. Allerdings dürfte sich der eine oder andere benachteiligt fühlen. Denn: Für die Fußball-Europameisterschaft gelten in Deutschland Ausnahmen von der Corona-Quarantänepflicht. Von dieser bis zum 28. Juli befristeten Ausnahme-Regelung für die EM ist jeder erfasst, der zur Teilnahme, Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung internationaler Sportveranstaltungen durch das jeweilige Organisationskomitee akkreditiert worden ist.

EM 2021: Wohl kaum deutsche Fans beim Achtelfinale in Wembley

Fassen wir einmal zusammen: Wer England gegen Deutschland live in Wembley sehen will, muss bereits am Donnerstag anreisen. Es folgt – in Quarantäne – ein Test am Samstag und einer am Dienstag, dessen Ergebnis vor dem Eintritt ins Stadion (Anpfiff: 18 Uhr) vorliegen muss. Und nach der Rückkehr wartet in Deutschland eine 14-tägige Quarantäne.

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Kaum vorstellbar, dass viele Fans aus Deutschland sich das antun. Davon profitieren könnten hingegen die rund 300.000 in Großbritannien lebenden Deutschen. Für das Achtelfinale Italien gegen Österreich im Wembley-Stadion am Samstag beispielsweise können nach Angaben des italienischen Verbands nur Fans Tickets kaufen, die ihren Wohnsitz auch in Großbritannien haben. Es scheint wahrscheinlich, dass es eine ähnliche Regelung auch für das deutsche Spiel geben wird.

Ganz große Optimisten – und solche, die ausreichend Zeit haben – könnten ihren Aufenthalt aber über das Achtelfinal-Spiel am Dienstag hinaus planen. Zwar würde ein mögliches Viertelfinale gegen Schweden oder die Ukraine in Rom (3. Juli) stattfinden. Erreicht die deutsche Mannschaft allerdings das Halbfinale, ist zumindest ein weiteres Wembley-Spiel sicher – beim Einzug ins Finale dann ein drittes.

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Für Bundestrainer Joachim Löw verbieten sich diese Gedankenspiele aber noch. Erst ist England dran. Die aufgeladene Historie weckt viele Erinnerungen. „Das wird ein absoluter Kampf“, sagte Vorgänger und Kumpel Jürgen Klinsmann, der gemeinsam mit DFB-Direktor Oliver Bierhoff 1996 fast auf den Tag genau vor 25 Jahren eben in Wembley den letzten deutschen EM-Triumph feierte, der BBC. „Es könnte wieder in einem Elfmeterschießen enden“, meinte Klinsmann in Erinnerung an das damalige Halbfinale gegen die Three Lions.

Quelle: mit Agenturmaterial (dpa)