Impfung Spritze Corona
Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Für ein verzögertes Verabreichen der zweiten Dosis des Corona-Impfstoffs gibt es unter Experten Zustimmung – aber auch skeptische Einschätzungen.

„In dieser besonderen Pandemielage ist es vertretbar, mit den jetzt vorhandenen Impfdosen möglichst vielen Menschen erst einmal die erste Immunisierung zu ermöglichen, und die zweite Impfung verzögert, aber zwingend innerhalb von 60 Tagen, nachzuholen“, schreibt etwa die Gesellschaft für Immunologie in einer Stellungnahme. Sie verweist darauf, dass bereits die erste Dosis nach etwa zwei Wochen einen gewissen Schutz bieten kann.

Berater der Weltgesundheitsorganisation (WHO) halten es in Ausnahmefällen für vertretbar, die Verabreichung der zweiten Dosis um etwa zwei Wochen hinauszuschieben.

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Sowohl die Europäische Arzneimittel-Agentur als Zulassungsbehörde als auch der Hersteller Biontech merken an, dass es bislang keine Daten dazu gibt, ob die Schutzwirkung nach der ersten Dosis länger als einige wenige Wochen hält. „Ich glaube, dass Menschen nach der ersten Spritze nicht gut geschützt sind“, sagt Sebastian Ulbert vom Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI). Publizierte Daten zur Immunantwort von Probanden zeigten, dass der Körper nach der ersten Dosis kaum schützende Antikörper bilde.

Für die volle Schutzwirkung des Impfstoffs von Biontech/Pfizer sind zwei Injektionen im Abstand von etwa drei Wochen nötig. Da hierzulande aber der Impfstoff knapp ist, gibt es Überlegungen, die zweite Dosis nach hinten zu schieben, um zunächst möglichst vielen Menschen die erste Dosis verabreichen zu können.

Stiko und RKI empfehlen: Abstand nicht vergrößern

Der Abstand zwischen der ersten und zweiten Corona-Impfung soll nach Ansicht der Ständigen Impfkommission (Stiko) am Robert Koch-Institut (RKI) nicht vergrößert werden. Das teilte die Stiko in einer Aktualisierung ihrer Impfempfehlung am Freitag mit. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte die Behörde prüfen lassen, ob ein solches Vorgehen sinnvoll ist, um mit den derzeit begrenzten Impfstoff-Mengen möglichst schnell möglichst viele Menschen impfen zu können. Hintergrund ist, dass ein gewisser Schutz vor einer Covid-19-Erkrankung bereits nach der ersten Impfung gegeben ist.

„Die Gabe der 2. Impfstoffdosis soll innerhalb des durch die Zulassungsstudien abgedeckten Zeitraumes (derzeit 42 Tage) erfolgen“, heißt es in der Aktualisierung der Impfempfehlung nun. Zur Begründung erläutern die Stiko-Experten, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt unsicher sei, ob man durch eine Verschiebung der zweiten Impfstoffdosis auf einen späteren Zeitpunkt tatsächlich mehr schwere Erkrankungen und Todesfälle verhindere als durch eine zeitnahe zweite Impfung der Hochrisikogruppen, welche dann zu einem nahezu vollständigen Schutz vor Erkrankung führt. Sollte der empfohlene Abstand zwischen der ersten und der zweiten Impfstoffdosis überschritten worden sein, könne die Impfserie jedoch fortgesetzt werden und müsse nicht neu begonnen werden.

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Damit folgt die Stiko der Einschätzung vieler anderer Experten. So hatte die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) in Amsterdam bereits darauf hingewiesen, dass eine Änderung des Abstandes zwischen beiden Impfdosen eine Änderung der Bedingten Marktzulassung und mehr klinische Daten notwendig machen würde. Auch die amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA hatte davor gewarnt, von der vorgeschriebenen Verabreichung der zwei Dosen abzuweichen. Änderungen könnten erst erwogen werden, wenn es dazu wissenschaftlich fundierte Daten gebe. Der Hersteller Biontech hatte darauf hingewiesen, dass in der Phase-III-Studie Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffs nur für den Fall untersucht wurden, dass die zweite Dosis 21 Tage nach der ersten erfolgt.

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Die Stiko hat zudem den neu zugelassenen Impfstoff des US-Unternehmens Moderna in ihre aktualisierte Impfempfehlung aufgenommen. Er sei dem ersten zugelassenen, von Pfizer/Biontech hergestellten Impfstoff gleichwertig. Die Impfung solle mit einem der beiden Impfstoffe erfolgen und mit demselben Produkt abgeschlossen werden. Für Schwangere empfiehlt die Stiko die Impfung wegen fehlender Daten generell nicht. Eine versehentliche Impfung sei aber kein Grund für einen Schwangerschaftsabbruch.

Wer zunächst eine Impfung erhält, könne auch eine Einzelfallentscheidung sein, schreibt die Stiko weiter. Das betreffe Menschen, die aufgrund einer Vorerkrankung vermutlich ein höheres Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben, auch wenn das wissenschaftlich nicht eindeutig belegt sei. In welche Priorisierungskategorie sie einzuordnen sind, entschieden die für die Impfung Verantwortlichen. Hintergrund ist, dass bei der Priorisierung nicht alle Krankheitsbilder berücksichtigt werden könnten.

Quelle: dpa