Mobilfunksendemast Funkmast
Foto: Patrick Pleul/dpa

Verschwörungstheoretiker haben neues Futter. Eine neue Mobilfunktechnologie und eine Virus-Pandemie: Das kann in ihren Augen kein Zufall sein. Nun kommt es immer häufiger zu gewalttätigen Auswüchsen.

Eine Überwachungskamera zeigt einen Mann mit einer schwarzen Mütze, der am Fuß eines Mobilfunkmasten einen Behälter leert. Flammen flackern auf, der Unbekannte rennt zurück zu seinem Auto und flüchtet.

Ähnliche Szenen wie diese an einem Abend in einem niederländischen Gewerbegebiet haben sich in den vergangenen Wochen Dutzende Male in Europa abgespielt. Verschwörungstheorien, nach denen es eine Verbindung zwischen neuen 5G-Mobilnetzwerken und der Corona-Pandemie gibt, haben eine Welle von Brandstiftungen an Funkmasten ausgelöst.

huddersfield abgebrannter funkmast
Das Bild eines abgebrannten Funkmastes im britischen Huddersfield. Foto: AFP/Oli Scarff

Behörden in Europa und auch in den USA verfolgen die Entwicklung mit Besorgnis: Sie befürchten, dass die Attacken Telekommunikationsverbindungen lahmlegen könnten, die gerade in dieser Krisenzeit lebenswichtig sein können. „Ich bin total empört, angewidert, dass Leute ausgerechnet gegen die Infrastruktur vorgehen, die wir benötigen, um mit diesem Gesundheitsnotstand umzugehen“, machte Stephen Powis, medizinischer Direktor des nationalen Gesundheitsdienstes in England, Anfang April seinem Zorn Luft.

Nun ist der Glaube, dass drahtlose Verbindungen eine Bedrohung darstellen, schon seit langem verbreitet und Gegenstand von Verschwörungstheorien. Aber die neuen 5G-Netzwerke – Mobilfunktechnologien der jüngsten Generation, die etwa ein superschnelles Internet ermöglichen – zusammen mit der Corona-Pandemie haben den Anhängern frischen Auftrieb gegeben.

Falsche Darstellungen über 5G und die Infektionen sind Hunderttausende Male in sozialen Medien geteilt worden – so die Behauptungen, dass die Installation der neuen Technologien das Virus geschaffen habe oder der Coronavirus-Ausbruch ein Mittel sei, das Ausrollen von 5G zu vertuschen.

Zentrum der Brandattacken gegen Mobilfunkmasten und andere Ausrüstung ist Großbritannien. Hier hat es in diesem Monat schon etwa 50 solcher Fälle und drei Festnahmen gegeben. 80 Mal ist es auch vorgekommen, dass Telekommunikationsmechaniker bei ihrer Arbeit beschimpft wurden, wie die Handelsgruppe Mobile UK berichtet.

Dieses Twitter-Video zeigt, wie eine Frau zwei am Netzaufbau beteiligte Arbeiter in Großbritannien belästigt und Ihnen vorwirft, damit Menschen umzubringen:

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Fotos und Videos, die die Angriffe dokumentieren, sind oft von falschen Behauptungen zu Covid-19 begleitet. Zwölf Brandstiftungen wurden in den Niederlanden registriert, weitere in Irland, Belgien und auf Zypern.

In einem Fall in Großbritannien wurde ein Funkmast ins Visier genommen, der Sprech-und Datenverkehr zu einem Feldkrankenhaus sicherstellte, in dem Corona-Patienten behandelt werden. Dieser Angriff löste besondere Empörung aus.

„Es ist herzzerreißend genug, dass Familien nicht am Bett ihrer Lieben sitzen können, die schwerkrank sind“, so Nick Jeffery, Topmanager von Vodafone UK, auf Linkedin. „Noch erschütternder ist es, dass ihnen wegen der selbstsüchtigen Handlungen einiger verblendeter Verschwörungstheoretiker jetzt vielleicht sogar der kleine Trost verwehrt ist, den ein Telefon- oder Videoanruf bietet.“

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Drohungen mit Angriffen haben „Likes“ auf Facebook geerntet. In einem Fall wurde in einer Gruppe, die gegen Impfungen eintritt, ein Foto von einem verbrannten Masten verbreitet – versehen mit dem Text „Niemand will Krebs & Covid19. Hört auf zu versuchen, sie zu ermöglichen, oder jedem Masten und Mobilfunkladen wird es so ergehen wie diesem.“

Besorgt zu sein, dass 5G die Pandemie irgendwie antreibe, sei einfach falsch, sagt Jonathan Samet von der Colorado School of Public Health. Er weiß, wovon er redet: Er war Leiter einer Arbeitsgruppe der Weltgesundheitsorganisation, die nach möglichen Zusammenhängen zwischen Mobiltelefon-Strahlungen und Krebs geforscht hat. „Ich finde keinen plausiblen Weg, sie zu verbinden“, betont der Mediziner.

Auch Myrtill Simko von SciProof International in Schweden hat nach eigenen Angaben in jahrelangen Untersuchungen keinen Beweis dafür gefunden, dass drahtlose Kommunikationen – ob 5G oder frühere Netzwerkversionen – etwa das Immunsystem beschädigen.

Anti-5G-Aktivisten sind unbeirrt. So Susan Brinchman, Leiterin des Center for Electrosmog Prevention, einer gemeinnützigen Organisation zur Bekämpfung „elektromagnetischer Umweltverschmutzung“. Leute hätten ein Recht, besorgt über 5G und Verbindungen zu Covid-19 zu sein, schrieb sie in einer E-Mail. „Die gesamte 5G-Infrastruktur sollte demontiert und abgeschaltet werden.“

Die derzeitige Welle von 5G-Verschwörungstheorien reicht in den Januar zurück, als ein belgischer Arzt nahelegte, dass es eine Verbindung zu Covid-19 gebe. Davor hatten sich die Theorien hauptsächlich um einen Zusammenhang zwischen Mobiltelefon-Strahlen und Krebs gerankt, verbreitet in Reddit-Foren, auf Facebook-Seiten und YouTube-Kanälen.

Aber auch das National Cancer Institute in den USA hat keinen Anstieg der Zahl von Gehirntumoren registriert, obwohl doch die große Mehrheit der Erwachsenen tagtäglich ein Handy benutzt.

Die Theorien um Gesundheitsschäden durch 5G hatten bereits 2019 an Schwung gewonnen, ausgehend von Russland, wie Experten sagen. Demnach wurden sie auffallend häufig in den dortigen staatlichen Medien erwähnt und mit deren Hilfe dann zu einem Thema auch in US-Kreisen.

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Die russischen Medien hätten zumeist auf Ängste um die neuen Technologien abgehoben, so die Frage, ob 5G Krebs erzeugen könne – das alles „lautstark“ genug, um zu helfen, die Verschwörungstheorien zu einem „Langzeiterfolg“ zu machen, wie Ryan Fox vom US-Unternehmen Yonder sagt. Die Firma ist auf die Schaffung eines authentischen Internets spezialisiert, und Fox verfolgt in diesem Rahmen die Verbreitung von Falschinformationen.

Mit dem Niederbrennen von Mobilfunkmasten haben die Verschwörungstheorien eine neue gefährliche Stufe erreicht. „Ich will das hier ganz klarmachen“, betonte der Sprecher der Europäischen Kommission, Johannes Bahrke, am vergangenen Freitag vor diesem Hintergrund. „Es gibt keine geografische oder jedwede andere Beziehung zwischen der Einrichtung von 5G und dem Ausbruch des Virus.“

Quelle: dpa