21 Tote und mehr als 500 Verletzte - das ist die traurige Bilanz der Loveparade in Duisburg. Am Tag sechs nach der Tragödie gibt es immer noch viele offene Fragen zu dem Geschehen. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Doch noch schieben sich die Beteiligten gegenseitig die Schuld in die Schuhe. Wir zeigen, wem was vorgeworfen wird.
Die Vorwürfe gegen den Veranstalter
NRW-Innenminister Ralf Jäger wirft dem Veranstalter Rainer Schaller vor, er habe sein eigenes Sicherheitskonzept nicht eingehalten. Das schließt er aus den vorläufigen Ermittlungsergebnissen, die er am Mittwoch bekannt gab. Demnach kam es zu der Massenpanik, weil die Ordner des Veranstalters die Sicherheitsschleusen vor den Tunneln nicht sperrten. Nach dem Sicherheitskonzept hätten die Ordner - sogenannte Pusher - die Menschen dazu bringen sollen, auf die Freifläche zu gehen.
Die Polizei sei dann zu Hilfe gerufen worden, als das Geschehen außer Kontrolle geraten sei. Bis dahin seien die Beamten ausschließlich für den nicht abgesperrten Bereich außerhalb des Geländes zuständig gewesen, was der bei Großereignissen üblichen Aufgabenteilung entspreche. Den bisherigen Erkenntnissen zufolge sei der Veranstalter für den Einlass in den Tunnel sowie die Sicherheit im Tunnel und auf der Rampe zuständig gewesen.
Der Polizeiinspekteur des Landes, Dieter Wehe, sagte, die Ermittlungen hätten ergeben, dass der Veranstalter zum einen sowohl im Eingangsbereich als auch im Bereich der Zugangsrampe zu wenig Ordnungskräfte eingesetzt habe. Zum anderen seien die Eingangsschleusen erst gegen zwölf Uhr statt - wie möglich - schon gegen zehn Uhr geöffnet worden. Als Folge hätten sich an den Eingängen große Rückstaus gebildet, während es auf dem Gelände noch genug freie Flächen gegeben habe.
Die Vorwürfe gegen die Stadt
Nach bisherigem Ermittlungsstand habe die Stadt Duisburg dem Veranstalter der Love-Parade erlaubt, die gesetzlichen Vorgaben zur Größe der Fluchtwege zu unterschreiten, erklärte Innenminister Jäger. "Das wird in den weiteren Ermittlungen sicherlich juristisch zu bewerten sein, warum die Stadt das gemacht hat."
Polizeiinspekteur Wehe zufolge erhielt die Polizei die Genehmigungsunterlagen für die Loveparade erst am Veranstaltungstag auf eigenes Verlangen. Darin sei eine maximale Auslastung des Geländes auf dem Duisburger Güterbahnhof für 250.000 Personen vorgeschrieben gewesen. Vor der Loveparade habe die Duisburger Polizei der Stadt ihre Sicherheitsbedenken für den Eingangstunnel und die Zugangsrampen mitgeteilt. Die Stadt habe entsprechende Änderungen der Sicherheitskonzeption zugesagt, sagte Wehe.
Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, erklärte: "Der Oberbürgermeister und die politisch Verantwortlichen waren geradezu besessen von der Idee, die Loveparade in Duisburg zu veranstalten, dass sie die Warnsignale entweder nicht wahrgenommen oder beiseite geschoben haben", sagte Wendt. Er selbst habe bereits vor einem Jahr gewarnt, dass die Stadt Duisburg ungeeignet sei, da sie zu eng für eine solche Veranstaltung ist.
Organisator Rainer Schaller sieht die Verantwortung neben der Polizei ebenfalls bei der Stadt. Die Genehmigung für das Ereignis sei erteilt worden: "Ohne diesen offiziellen Stempel hätten wir die Loveparade niemals stattfinden lassen."
Der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Hans-Peter Uhl (CSU), griff die Duisburger Stadtverwaltung scharf an. Im Südwestrundfunk sagte er, der Auflagenbescheid der Stadt für die Massenveranstaltung zeige "abenteuerlich, wie fahrlässig hier gehandelt" worden sei. In dem Dokument sei "an keiner Stelle erwähnt", wie der Veranstalter "Sicherheit herstellen will und soll, und wie viele Ordner er dazu braucht, und an welcher Stelle was zu tun und zu lassen" sei. Die politische Verantwortung für die Tragödie liegt Uhls Meinung nach bei der Behörde, die die Veranstaltung genehmigt hat, also der Stadt.
Die Vorwürfe gegen den Oberbürgermeister
Ihm wird vor allem vorgeworfen, dass er nicht aus dem Amt ausscheidet und somit die politischer Verantwortung für die Tragödie übernimmt. So legt etwa NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft Adolf Sauerland den Rücktritt nahe. "Der Duisburger Oberbürgermeister und die Verantwortlichen in der Stadtspitze werden sich letztendlich der politischen Verantwortung stellen müssen", sagte Kraft unserer Redaktion.
Auch Innenminister Ralf Jäger plädiert für einen Rückzug Sauerlands. "Die Frage der moralischen Verantwortung, diese Frage muss Herr Sauerland, glaube ich, jetzt ganz schnell für sich beantworten", sagte er Reuters TV.
Bei einer Protestkundgebung vor dem Duisburger Rathaus forderten auch mehrere hundert Demonstranten den Rücktritt des CDU-Politikers Sauerland. "Sie haben alle Warnungen missachtet, keiner hier will Sie noch als Oberbürgermeister haben", sagte der der Organisator der Kundgebung, der Duisburger Markus Schröder. "Sauerland muss weg", skandierte die Menge.
Zudem wird Sauerland die Genehmigung der Veranstaltung vorgeworfen. Der Stadtchef wehrt sich dagegen, weist jede persönliche Verantwortung zurück. Er betonte in der "Bild"-Zeitung, dass er keine Genehmigung für die Großveranstaltung unterschrieben habe. "Die Abschlussgenehmigung hat einer unserer besten Kollegen abgezeichnet", betonte er. "Persönliche Verantwortung kann es nur geben, wenn es ungerechtfertigte Eingriffe in den Prozess gegeben hätte. Diese gab es aber nicht", erklärte er in einem Interview. Am Ende habe die ganze Verwaltung dem Sicherheits- und Veranstaltungskonzept zugestimmt.
Die Vorwürfe gegen die Polizei
Aus einem Schreiben Schallers geht hervor, dass der Veranstalter offenbar eine mögliche Verantwortung des Polizei an den chaotischen Verhältnissen nicht ausschließt: "Wir haben heute verstanden, dass auf der Aufgangsrampe und im Tunnel Polizeiketten gebildet und dass die Schleusen auf der Westseite auf Veranlassung der Polizei geöffnet wurden. Inwieweit dies mit einer Pfropfenbildung auf der Aufgangsrampe und Unglücksstelle zusammenhängt, wird die Staatsanwaltschaft herausfinden", schreibt Schaller.
Zuvor hatte Schaller der Polizei-Einsatzleitung vorgeworfen, die Anweisung zur Öffnung aller Schleusen vor einem der Tunneleingänge gegeben zu haben.
Vorwürfe an die Polizei gibt es auch von einigen Augenzeugen. Yvonne Schröder (20) und ihr Freund Dominik Pavone (26) etwa erlebten die Katastrophe im Tunnel mit, sie konnten sich über den Container retten. Yvonne Schröder erzählt auf der Demonstration in Duisburg: "Die Polizei hat uns nicht geholfen. Stattdessen haben sie uns nur von oben gefilmt."
Das geschieht nun weiter
Die Staatsanwaltschaft Duisburg will den "Sachverhalt umfassend, unparteiisch und ohne Ansehen der Personen" aufklären. Für die Ermittlungen stünden vier Staatsanwälte und ein "sehr erfahrener" Oberstaatsanwalt" zur Verfügung. Beim inzwischen zuständigen Polizeipräsidium Köln sei eine Ermittlungsgruppe mit 60 Beamten eingerichtet worden. Die Duisburger Polizei hatte die Zuständigkeit an Köln abgegeben, um sich nicht dem Vorwurf der Befangenheit auszusetzen.
Seit Donnerstag ist der Tunnel zum Gelände der Loveparade gesperrt. Ein Polizeisprecher sagte dem Sender N24, seit sechs Uhr könne niemand mehr in die Röhre. Sie wird jetzt vermessen und mit dem vorhandenden Kartenmaterial verglichen.
Am Samstag wird in der Duisburger Salvatorkirche die Trauerfeier für die Opfer stattfinden. Das teilte eine Sprecherin der Staatskanzlei am Donnerstag mit. Die Sprecherin sagte, der Gottesdienst werde auch in die MSV Arena übertragen. Vor dem Stadion würden drei Leinwände aufgebaut. Die ursprünglich geplanten Leinwände am Burgplatz vor der Salvatorkirche und im Innenhafen wird es dagegen nicht geben.
Ferner soll die Trauerfeier in einige Duisburger Kirchen übertragen werden. Welche Gotteshäuser das sein werden, wird am Freitag bekannt gegeben. Man rechne bei der Trauerfeier mit mindestens 10.000 Teilnehmern, so die Sprecherin.
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Quelle: rpo


