Nach der Massenpanik mit 20 Toten bei der Loveparade in Duisburg schieben sich Polizei, Stadtverwaltung und Veranstalter gegenseitig die Schuld in die Schuhe. Die Zahl der Toten stieg mittlerweile auf 20, die der Verletzten auf 511.
Der Duisburger Planungsdezernent Jürgen Dressler sieht Polizei, Veranstalter und Feuerwehr in der Verantwortung. Zwar habe er die Genehmigung für die Massenveranstaltung erteilt, sagte Dressler unserer Redaktion, diese habe sich aber nur auf den engeren Bereich des stillgelegten Güterbahnhofs bezogen, auf dem auch die Bühne stand. Der Bereich des Tunnels und der Treppe, in dem die Menschen zu Tode kamen, "gehörten nicht zu dem von mir genehmigten Bereich".
Die Zahl der an dieser Stelle zu Tode gekommenen Menschen stieg am Montag auf 20, die Zahl der Verletzten erhöhte sich auf 511. Am Sonntag waren die Behörden noch von mehr als 340 Verletzten ausgegangen. Zudem hatte es geheißen, keiner der Verletzten schwebe mehr in Lebensgefahr. 1138 Menschen wurden bis zum späten Abend noch vermisst.
Nach Dresslers Einschätzung hat „augenscheinlich eine Kommunikationspanne zwischen Polizei und Veranstaltern am Tunnel“ zu der Katastrophe geführt. Als zu viele Menschen auf das Gelände zu strömen drohten, sei der Zugang dorthin einseitig gesperrt worden. "Da hat man wohl vergessen, die andere Seite auch zu sperren, so dass immer mehr Leute hineingedrängt sind", so der Dezernent.
Polizei soll Überfüllung verschuldet haben
Veranstalter Rainer Schaller, Geschäftsführer der Lopavent, erhob Medienberichten zufolge Vorwürfe gegen das Einsatz-Management der Polizei. Die Einsatzleitung habe die Anweisung gegeben, alle Schleusen vor dem westlichen Tunneleingang an der Düsseldorfer Straße zu öffnen. Dadurch erst soll es zu der Überfüllung gekommen sein.
Der "Kölner Stadt-Anzeiger" berichtete, Mitarbeiter der Stadtverwaltung seien systematisch unter Druck gesetzt worden, die Sicherheitsbedenken fallen zu lassen. Polizei und Feuerwehr hätten schon vor Monaten erhebliche Sicherheitsbedenken geäußert, hieß es in dem am Montagabend auf der Website veröffentlichten Bericht.
In einem Brief an den Oberbürgermeister habe der Direktor der Berufsfeuerwehr im Oktober 2009 gewarnt, das Partygelände am alten Güterbahnhof sei "physikalisch nicht geeignet" für eine Veranstaltung dieser Dimension.
Die Duisburger Stadtverwaltung habe erst Stunden vor dem Beginn der Party am Samstag die erforderliche ordnungsbehördliche Genehmigung unterschrieben, berichtete der "Kölner Stadt-Anzeiger" unter Berufung auf einen "Insider". Offenbar hätten die Verantwortlichen bis zuletzt überlegt, ob sie die Techno-Parade absagen.
Für die innenpolitische Sprecherin der Grünen im NRW-Landtag, Monika Düker, trägt dagegen die Stadt Duisburg die Verantwortung für die Todesfälle. Videobilder vom Geschehen hätten eindeutig gezeigt, dass der tödliche Rückstau durch die Zugangssituation herbeigeführt worden sei, sagte Düker. Sie fordert den Rücktritt des Duisburger Oberbürgermeisters Adolf Sauerland (CDU).
OB Sauerland will keine Warnungen gehört haben
Sauerland erklärte, er könne diese Forderung nachvollziehen, er werde sich "dieser Frage stellen". Doch zunächst gehe es darum, die schrecklichen Ereignisse aufzuarbeiten. Im Gespräch mit unserer Redaktion sagte der Oberbürgermeister, ihm seien im Vorfeld der Loveparade keine Warnungen bekanntgeworden. Die Stadt Duisburg habe ihre Aufgabe bei der Prüfung der Veranstaltung "gewissenhaft erfüllt".
Wegen der gespannten Lage in der Stadt steht Sauerland inzwischen unter Polizeischutz. Der CDU-Politiker war bereits am Sonntag beim Besuch der Unglücksstelle von aufgebrachten Passanten attackiert worden. Im Rathaus sichern mit Handfesseln ausgerüstete Kräfte des Ordnungsamtes den Aufgang zu Sauerlands Büro.
Verzicht auf Feuerwehrpläne
Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft verwies in der ARD auf die Verantwortung der Stadt, die als genehmigende Behörde für die Sicherheit der Veranstaltung zuständig sei. Bei Großveranstaltungen dieser Art werde sich das Land künftig stärker einschalten. Eventuell müsse das Innenministerium die Federführung übernehmen, sagte sie im ZDF.
Wie "Spiegel Online" unter Berufung auf Unterlagen der Duisburger Stadtverwaltung berichtete, soll der Sachbearbeiter der Unteren Bauaufsicht im Duisburger Amt für Baurecht und Bauberatung in einem Verwaltungsdokument die Organisatoren von der Vorschrift befreit haben, die vorgeschriebenen Breiten der Fluchtwege einzuhalten. Gleichzeitig verzichteten die Beamten auf Feuerwehrpläne.
Alles "weichgespült"
Die Ermittlungen zum Unglück laufen jetzt über die Kölner Polizei. Offenbar fürchten die Duisburger Beamten bei den Ermittlungen gegen die eigenen Reihen den Vorwurf der Befangenheit. Das Kölner Polizeipräsidium soll nun die strafrechtlichen Aspekte des Unglücks ermitteln, das polizeiliche Einsatzkonzept am Veranstaltungstag soll vom Polizeipräsidium Essen ausgewertet werden.
Offenbar gab es vor der Loveparade auch innerhalb der Duisburger Sicherheitskräfte erhebliche Bedenken gegen die Veranstaltung. Wilfried Albishausen, Landesvorsitzender im Bund deutscher Kriminalbeamter, berichtet, dass Warnungen von den Verantwortlichen "weich gespült" worden seien. "Viele Kollegen sind deshalb mit einem flauen Gefühl zum Einsatz bei der Loveparade gefahren." Nach Medienberichten sollen Polizei und Feuerwehr auch offiziell versucht haben, andere Regelungen für den Zugang zum Festgelände durchzusetzen. Dies sei von der Stadt aus Kostengründen abgelehnt worden.
Ende der Woche gibt es eine Trauerfeier
Das Bundesinnenministerium hat Vertuschungsvorwürfe bei der Loveparade-Katastrophe zurückgewiesen. Meldungen, die Bundespolizei halte Unterlagen zu der Veranstaltung zurück, seien "falsch". Die Bundespolizei sei dabei, die benötigten Akten zu versenden. Der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU, Hans-Peter Uhl, fordert eine unabhängige Untersuchungskommission aus Fachleuten von Sicherheitsbehörden und Rettungsdiensten, die nicht aus dem Duisburger Umfeld stammten.
Zum Gedenken an die Opfer der Duisburger Loveparade ist am Montag in Nordrhein-Westfalen für alle Dienstgebäude des Landes und des Bundes Trauerbeflaggung angeordnet worden. Die Stadt Duisburg will am Donnerstag oder Freitag mit einer Trauerfeier der Toten gedenken. Kanzlerin Angela Merkel unterbricht ihren Urlaub, um an der Trauerfeier teilzunehmen.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung. Nach Einschätzung des Tübinger Strafrechtlers Jörg Kinzig drohen den Verantwortlichen aber allenfalls Bewährungsstrafen. Auf die Veranstalter könnten allerdings hohe Entschädigungssummen zukommen. Die Firma Lopavent hat die Loveparade mit einer Gesamtdeckungssumme von 7,5 Millionen Euro bei dem französischen Versicherungskonzern Axa versichert. Sollten Ansprüche über diese Deckungssumme hinaus entstehen, wird laut "Financial Times Deutschland" der Veranstalter dafür privat haften müssen.
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Quelle: rpo


