"Rain" im Tanzhaus NRW

Was Musik mit Körpern machen kann

"Rain" im Tanzhaus NRW: Was Musik mit Körpern machen kann "Rain" im Tanzhaus NRW: Was Musik mit Körpern machen kann Foto: Tanzhaus NRW
Von |

Die belgische Choreografin Anna Teresa De Keersmaeker gastierte mit ihrer legendären Choreografie "Rain" auf Musik von Steve Reich aus dem Jahr 2001 im Tanzhaus NRW in Düsseldorf. Mit jungen Tänzern hat sie das Stück erneut erarbeitet.

Die Musik setzt ein. Steve Reichs "Music for 18 Musicians" treibt die zehn Tänzer gnadenlos 70 Minuten lang voran, der schnelle Rhythmus gönnt ihnen keine Atempause - und dem Zuschauer auch nicht. Zu der Musik mit ihren sich wiederholenden, aber stets variierenden Motiven zaubert Anna Teresa De Keersmaeker energiegeladenen Tanz mit fast schon hypnotisierender Wirkung.

Präzise und variantenreich benutzt die belgische Choreografin die musikalischen Motive und setzt sie um in Muster, in Bewegungsfolgen, die sich nur scheinbar nach den bunten Linien auf dem Bühnenboden richten. Wie Teilchen in einem Beschleuniger lässt De Keersmaeker ihre Tänzer, ausgehend von einer spiralförmigen Bewegung, immer neue Runden drehen, so dass man irgendwann das Gefühl hat, die ganze Energie dieser Drehungen müsste sich auch wieder in einer Gegenbewegung entladen.

Ein Vorhang aus Schnüren begrenzt das Bühnenrund. Wenn der Lufthauch der Tänzer ihn bewegt, sehen die vielen Schnüre aus wie ein Wasserfall, passend zum Titel der kongenialen Choreografie "Rain". Sie stammt aus dem Jahr 2001; nun hat die Choreografin sie mit jungen Tänzern neu einstudiert. "Rain" war bereits das dritte Mal, dass De Keersmaeker zu Musik von Steve Reich choreografiert. Kein Wunder, passt diese flirrende Musik des Meisters der Minimal Music doch bestens zu ihren extrem physischen Werken, die nur in Ansätzen etwas erzählen wollen, eher nur - wie in einem Labor - analysieren, was Musik mit Körpern machen kann.

Ein Techniker schiebt ein helles Licht einmal um das Bühnenrund, und es scheint, als dreht sich die Erde einmal um die Sonne. Zehn Tänzer, alle in verschiedenen Rosa-Tönen gekleidet (die Kostüme hat der Modeschöpfer Dries van Noten gestaltet), laufen über die Bühne, scheinbar ohne Ziel, dann wieder vereinen sie sich im Gleichklang, kommen zu Zweier- oder Dreierkonstellationen zusammen. Sie rennen aufs Publikum zu, stoppen abrupt, lassen sich nach hinten fallen, fangen die Bewegung dann wieder ab. Alles passiert so schnell, dass man dankbar ist, als ein Pärchen seine Bewegungen einmal fast in Zeitlupe ausführt, einen Kontrapunkt setzt zur hektischen Partitur.

Die Rosatöne des Lichts, die warme Stimmung des Abends, das freundliche Lächeln, das sich die Tänzer bei jeder Begegnung schenken, erzeugen eine fast unwirkliche Wohlfühlatmosphäre, der man sich nicht entziehen kann. Die jungen Tänzer beweisen, wie zeitlos dieses Werk ist, und lassen das Schwere ganz leicht aussehen.

Quelle: RP