"Tour One" im Kölner Palladium

Schöner trauern mit Paramore

"Tour One" im Kölner Palladium: Schöner trauern mit Paramore "Tour One" im Kölner Palladium: Schöner trauern mit Paramore Foto: Tim Specks
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Die US-Amerikaner Paramore gastieren mit ihrer "Tour One" im Kölner Palladium. Es gibt reichlich traurige Worte, verpackt in schwerelosen Pop und den Sound der 80er Jahre. Ihr neues Album klingt wie eine Hommage an Fleetwood Mac.

Das Schönste an der Musik ist doch immer noch, dass sie ein Katalysator ist. Freude, Trauer, Angst, Aggression, Wut, jede Emotion lässt sich mit dem richtigen Sound auf die Spitze treiben. Das Feierabendbier wird mit dem Lieblingslied zu einem Festakt, und der Tod unseres Serienhelden wäre ohne melancholische Streicher im Hintergrund nur der letzte Auftritt eines Schauspielers.

Was aber passiert, wenn Form und Inhalt gegenüber gestellt werden? Wenn die betrübende Botschaft in ein schillerndes Kleid gesteckt wird? Die us-amerikanische Band Paramore wagt dieses Experiment auf ihrer aktuellen Tournee – es scheint zu glücken.

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Vor rund 4000 Zuschauern treten sie auch im Kölner Palladium auf. Es ist der siebte Auftritt während ihrer "Tour One", und die ersten Zeilen, die Frontfrau Hayley Williams in die Menge schickt, machen klar, wohin der Abend führen wird. "For all I know, the best is over and the worst is yet to come", singt Williams; das Beste ist vorbei, das Schlimmste steht noch bevor. Keine hoffnungsvolle Botschaft, doch die Band wickelt den Song "Told you so” in schwerelosen Pop und macht aus ihm eine Disconummer.

Die Devise: Tanzen, egal, was ist

Das Lied stammt von Paramores aktuellem Album mit dem vielsagenden Titel "After Laughter", und Paramore haben sich mit dem Werk einem neuen Stil verschrieben. Gegründet 2004, war die Band ursprünglich im Alternative Rock zuhause. Hayley Williams trug Nietengürtel, ihre Fans auch, und der Sound passte dazu. Gitarrenlastig. Rockig. Etwas depressiv vielleicht.

Heute, dreizehn Jahre und den Abgang dreier Mitbegründer (von denen einer wieder zurück ist) der Gruppe später, ist der Rocksound auf "After Laughter" größtenteils poppigen Klängen gewichen. Statt Nietengürtel trägt Williams Jeansjacke, und nicht nur ihr Outfit weckt Konnotationen mit den 80er Jahren. Wer die zwölf Songs des aktuellen Albums hört, für den ist 1986.

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Inmitten des Sets erklärt Williams, einen Song spielen zu wollen, zu dem die Band gerne tanze. Es folgt "Everywhere" von Fleetwood Mac, einer der bekanntesten Titel der Band vom Album "Tango in the night", mit dem die Gruppe in den britischen Charts auf Platz eins, in Deutschland auf Platz zwei landete. Der Klang des Albums scheint Williams und Co. aber nicht nur zum Tanzen, sondern auch zum Komponieren zu bringen: "Tango in the night" wirkt wie eine Blaupause für "After Laughter".

Wäre das Konzert eine Lesung, die Texte wären eine Klageschrift

Williams singt vom Auf-sich-gestellt-sein, von falschem Lächeln, gebrochenen Herzen. Von Wehmut aber ist weder auf der Bühne, noch davor eine Spur, Paramore unterlegt Trauer und Verzweiflung mit Pop-Rock und schnellen Takten. Es wirkt, als wolle Williams gegen all das, was sie stört, antanzen wollen, und das Publikum tut es ihr gleich. Niemand hier ist gekommen, um zu trauern oder sich ernsthaft zu beklagen, dieser Abend ist Protest und Medizin. Musik als Therapie. Mag die Welt noch so betrüblich sein, wir lassen uns nicht unterkriegen.

Von ihrem neuen Album spielen Paramore sechs Stücke, der Rest ist ein Streifzug durch die Bandgeschichte. Die Setlist aber ist alles andere als Zufall, die Gruppe hat herausgepickt, was zum Arrangement passt: Schwere Texte, schwerelose Musik. Wäre das nicht so unwahrscheinlich, man könnte glauben, Paramore habe seit dreizehn Jahren auf diese Tour, auf diese Zusammenstellung hingeschrieben.

Ausbrüche aus der eingeschlagenen Richtung gibt es nur selten, bei "Hate to see your heart break" etwa kommen tatsächlich Feuerzeuge zum Vorschein, "Forgiveness" ist die ruhigste Nummer des Abends. Natürlich darf auch "Misery Business" nicht fehlen. Die letzte Nummer vor der Zugabe ist bis heute ihr vielleicht größter Hit, und zum Höhepunkt des Konzerts holen Williams und Gitarrist Taylor York zwei Fans auf die Bühne, um sie den Song am Mikro und an der Gitarre mitspielen zu lassen. Kommt rauf, wir stehen das alles zusammen durch.

Beim vorletzten Song kommt dann Schlagzeuger Zac Farro nach vorn ans Mikro, er spielt "Scooby's in the back", ein Stück seines Soloprojekts Halfnoise. Den Text kennen nicht alle, aber das ist in diesem Moment egal, sowieso ist im Palladium längst alles eins und alle gegen die schlechten Dinge da draußen.

"Just let me cry a little bit longer", singt Williams gegen Ende des Konzerts. Lass mich einfach noch ein bisschen weinen. Man will ihr diesen Wunsch nicht abschlagen.

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Quelle: RP