Ed Sheeran auf Erfolgskurs

Der Tom Hanks des Pop

Ed Sheeran auf Erfolgskurs: Der Tom Hanks des Pop Ed Sheeran auf Erfolgskurs: Der Tom Hanks des Pop Foto: dpa, kde sab
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Das neue Album von Ed Sheeran ist bereits wenige Tage nach Erscheinen ein Milliarden-Erfolg.

Es gibt fürchterliche Lieder auf dieser Platte, und das fürchterlichste ist sicher "Perfect". Es klingt stark nach "Wonderful Tonight" von Eric Clapton, und Ed Sheeran besingt darin seine Freundin Cherry. Die beiden wohnen erst seit Kurzem zusammen, wie man hört, und sie haben zwei Katzen. Sheeran beschreibt, wie Cherry und er im Dunkeln miteinander tanzen, und als endlich alle Streicher an ihren Plätzen sind und ordentlich dicke Soße produzieren, verrät Sheeran, dass er sich vorstellen kann, Kinder mit Cherry zu haben.

Das neue Album des 26-Jährigen heißt "÷", es ist das dritte des Briten, der einst von Elton John gefördert wurde. Die Vorgänger tragen die Titel "+" und "×". Seit ungefähr fünf Jahren gehört er zu den erfolgreichsten Solokünstlern, aber nun ist er der König: Die Stücke der aktuellen Platte wurden bereits wenige Tage nach Erscheinen mehr als eine Milliarde mal gestreamt. Die beiden gleichzeitig veröffentlichten Vorab-Singles erreichten sofort Platz eins und zwei in Deutschland und England - das hat es noch nie gegeben. Sheeran liefert den Soundtrack zur Gegenwart, er ist der Liedermacher für Leute mit Instagram-Account.

Und tatsächlich gibt es nicht bloß fusselbärtiges Gesäusel auf "÷", sondern auch ziemlich tolle Stücke. Der karibisch anmutende Hit "Shape Of You" etwa ist ein unwiderstehlicher und unheimlich gut gebauter Song, und eigentlich hatte Sheeran ihn für Rihanna bestimmt. Er beliefert ja auch Kollegen mit seiner Lieder-Ware, Taylor Swift etwa und Justin Bieber, aber hier dachte er doch: Das nehme ich selbst. Wie klug. Auch "Eraser" ist verblüffend, da rappt er, und zwar auf Augenhöhe mit so manchem professionellen Hartreimer. Und das heiter hüpfende "Bibia Be Ye Ye" hat er in Ghana aufgenommen und teils in der Landessprache Twi eingesungen.

Sheeran ist kein Erfinder, sondern ein Kurator

Er bedient sich aus dem Besten der Popgeschichte und schmückt seinen Basis-Sound, der im irischen Folk wurzelt, mit Gefundenem und Zitaten. Er mischt Ideen von Paul Simons "Graceland"-Album unter und Rhythmus-Patterns von Kanye West. Er hat kein ästhetisches Credo, Mittelmäßiges steht auf dem 60 Minuten langen Album neben extrem ambitionierten Kompositionen, und wie sein ebenso erfolgreicher Zeitgenosse Drake verzichtet er auffallend oft auf Bridge und Refrain. Er wird nie politisch, auch stilistisch gehört er nirgendwo dazu. Sheeran ist überall nur Besucher, und das verleiht ihm die Glaubwürdigkeit des Außenseiters, die im Pop so viel zählt.

Obwohl längst stinkreich, inszeniert er sich in seinen Liedern denn auch weiterhin als Spielball mächtigerer Instanzen. Alle redeten über Börse und Portfolios, heißt es einmal, nur er sitze da mit einem Lied, das er schrieb. In Interviews erzählt er, dass er es immer noch klasse findet, berühmte Leute zu treffen. Und sein einziger Fehltritt bisher war, dass er vor zwei Jahren im Auto von den Brit-Awards heimgefahren ist, obwohl er etwas getrunken hatte.

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Reumütig verabschiedete er sich danach von seiner Facebook-Präsenz und reiste mit der Freundin um die Welt. Sein Image erlaube es ihm, auch künstlerische Belanglosigkeiten wie das Lied "New Man" ohne Beschädigung abzuliefern, schrieb die "New York Times". Robbie Williams hat ihn mal den "Tom Hanks des Pop" genannt. Das trifft es ganz gut.

Man darf sich jedoch nicht täuschen lassen, Sheeran weiß genau, was er tut. Er ist ein hochbegabter Songwriter, und wie gut er sein kann, wenn denn die Pferde mal mit ihm durchgehen, zeigt das Lied "Dive". Seine Stimme klingt plötzlich schartig, das ist ein dorniger Lovesong. Abgründigkeit steht ihm.

Quelle: RP