Konzert in Köln

Depeche Mode bringen die Nacht zum Leuchten

Konzert in Köln: Depeche Mode bringen die Nacht zum Leuchten Konzert in Köln: Depeche Mode bringen die Nacht zum Leuchten Foto: dpa, vge
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Die britische Band Depeche Mode gab am Pfingstmontag ein großartiges Konzert vor 43.000 Fans im Kölner Stadion. Höhepunkt des Abends unter freiem Himmel war "Everything Counts".

Konzerte von Depeche Mode unter freiem Himmel sind am besten, wenn die Nacht hereinbricht. Die Dunkelheit ist ja sozusagen das Zuhause dieser Band, sie strebt weg vom Licht, ihre Lieder sind Hymnen an die Nacht. Dave Gahan ruft dann seine Dämonen zum Rapport, und in den meisten Fällen erscheinen sie recht zahlreich.

Es ist denn auch soeben dunkel geworden über dem Kölner Stadion, als der Abend seinen Höhepunkt erlebt. Gahan steht auf einem Monitor am Bühnenrand, er windet sich und zuckt. Sein Haar trägt er nach hinten geleckt, auf seinem glänzenden Oberkörper liegt nur noch eine Weste, an den Füßen hat er silberne Stiefel aus Schlangenleder, und der Kajal unter den Augen ist verlaufen.

Alle singen mit, alle sind eins

Er peitscht die Menge an, und weil er nicht weiß, wohin mit dem Strom, schreit er. Er möchte, dass die Leute seinen Lieblingskumpel und Erzfeind Martin Gore unterstützen. Der singt gerade mit geschlossenen Augen den Refrain von "Everything Counts", und auf den mächtigen Leinwänden links und rechts neben der Bühne sieht man die Finger Gores, der sich die Nägel schwarz lackiert hat und die markante Melodie des Songs ins Keyboard drückt. Alle folgen, alle singen mit, alle sind eins: "Everything counts in large amounts".

Depeche Mode tritt vor 43.000 Fans im Rheinenergie-Stadion auf, und vor allem die späten Teile des rund zweistündigen Abends sind großartig. Das liegt am 55-jährigen Sänger. Der Kerl muss todunglücklich sein, wenn die Gruppe nicht auf Tournee ist. Man kann ihn sich nicht bei Ikea, an der Playstation oder im Hobbykeller vorstellen. Er muss tanzen, sich drehen, und er muss vornübergebeugt dastehen, die linke Hand in der Hüfte und die Zunge rausstrecken. Kein Gebäude ist groß genug für dieses Charisma, Dave Gahan wird erst unter den Augen von Zehntausenden er selbst.

Das erste Drittel des Konzerts wird getragen von Wiedersehensfreude: Da sind sie ja! Musikalisch hingegen überzeugt dieser mit aktuellem Kram von den letzten vier Alben vollgestopfte erste Teil nicht. Einzig das etwas langsamer arrangierte "Wrong" ragt aus dem neueren Material heraus.

Euphorie spürt man dann bei "In Your Room" aus dem Jahr 1993. Allerdings vertraut die Gruppe nicht auf die Kraft des Songs, sondern illustriert ihn mit den unzeitgemäßen Projektionen von Anton Corbijn. Der hat eine Handvoll melancholisch gemeinter Kurzfilme für das Konzert gedreht, reines Kunstgewerbe indes; einmal spaziert Gahan darin im Astronautenanzug mit Helm unterm Arm über die Straße einer Metropole. So etwas möchte man seit Corbijns Videoclip für Grönemeyers "Mensch" eigentlich nicht mehr sehen.

Die Bühnenshow ist ansonsten überraschend zurückhaltend gestaltet

Die Band lässt sich von einem Drummer und einem weiteren Keyboarder unterstützen, und – ach, ja – Andy Fletcher ist auch da. Depeche Mode erleben heißt ohnehin Dave Gahan gucken, und da bekommt man stets viel geboten. Wie er sich mit beiden Händen ganz langsam den Schweiß aus den Haaren drückt. Wie er sich verbeugt und sein Kopf fast den Boden berührt.

Wie er zwischen den Songs vors Schlagzeug tritt, trinkt und ihn Hochspannung durchfährt, sobald Martin Gore die ersten Akkorde des nächsten Songs anschlägt. "Master and Servant", denkt man. Das ist überhaupt toll, das Wechselspiel der beiden. Gore singt mit seiner Engelsstimme das wunderschöne "A Question Of Lust" und als erste Zugabe "Somebody", und er wirkt dabei so arglos und scheu, so rein, als stamme er von einem Planeten, auf dem es keine Erwachsenen gibt: Der kleine Prinz möchte aus dem Sternenstaub-Paradies abgeholt werden. Herrlich.

Gegen Ende reihen sie Hit an Hit, "Enjoy The Silence", "Walking in My Shoes" und "I Feel You". Sie covern "Heroes" von David Bowie, man merkt, dass Dunkelheit leuchten kann, und am schönsten ist es, wenn die Lieder einfach laufen, wenn Gahan bei "Never Let Me Down Again" rausgeht auf den Steg, der ihn tief ins Publikum führt. Wenn er zu "Personal Jesus" die Nacht genießt, wenn die Leute ihm sein Lied abnehmen und er in Ruhe in den Spiegel schauen, sich fallen lassen und die Arme ausbreiten kann. Ein sardonischer Schmeichler, zufrieden mit seinem Werk.

Reach out, touch faith.

Quelle: RP