Album "Weekend" von Kreidler

Als in Düsseldorf das Neue entstand

Album "Weekend" von Kreidler: Als in Düsseldorf das Neue entstand Album "Weekend" von Kreidler: Als in Düsseldorf das Neue entstand Foto: Kathrin Mohr
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Vor 20 Jahren erschien das Album "Weekend" der Düsseldorfer Band Kreidler. Die international erfolgreiche Platte lieferte den Klang einer neuen Zeit.

Im Jahr nach Erscheinen dieses Albums führte Max Dax ein Interview mit David Bowie. Der Musikjournalist brachte dem Popstar eine CD-Ausgabe von "Weekend" mit, weil er meinte, die Platte könnte Bowie gefallen. "Kreidler aus Düsseldorf", sagte Dax. Kenne ich, entgegnete Bowie und hielt sogleich einen Vortrag über avantgardistische Musik aus Deutschland, über Kraftwerk und all die anderen. Der Band Kreidler ließ Bowie später einen Gruß ausrichten: "Weekend" sei wirklich ganz toll.

David Bowie hatte ein Gespür für das Neue, und tatsächlich brachte Kreidlers Debütalbum "Weekend" vor 20 Jahren etwas Ungehörtes in die Welt. Das war Instrumentalmusik, zu großen Teilen elektronisch. Bass und Schlagzeug sorgten für den Groove, dazu gab es Samples, und alles war logisch arrangiert, von geradezu japanisch anmutender Klarheit, dabei aber durchaus mit jazzigem Flair.

Kreidler bestand 1996 aus Thomas Klein (Schlagzeug), Andreas Reihse (Synthies), Detlef Weinrich (Sampler) und Stefan Schneider (Bass). Reihse, Klein und Schneider hatten vorher schon zusammengearbeitet und mit Musik und Wort-Vorträgen experimentiert. Für die 1994 gegründete Band Kreidler holten sie Weinrich dazu. Schneider, der in der Klasse von Fotokünstler Bernd Becher studierte, kannte ihn aus der Kunstakademie. Weinrich, Student bei der Bildhauerin Magdalena Jetelová, trat zunächst vor und nach Kreidler-Konzerten als DJ auf; er spielte zumeist Reggae und Jazz. Dann besorgte er sich Synthesizer und Sampler und bereicherte allmählich den Sound der Gruppe.

"Weekend" spielten sie in einem Tag in Berlin ein, das Mischen dauerte zwei Tage, danach war das Album fertig. "Wir wollten mit minimalem Input den maximalen Effekt erzielen", sagt Thomas Klein. "Der Sound war nicht geplant, er ergab sich." "Weekend" habe Kreidler jenes Selbstbewusstsein gegeben, das die Gruppe noch heute trägt. "Es gab enormen Zuspruch." Man habe damals gewusst: "Es ist richtig, was wir tun."

"Weekend" war zusammen mit "L'etat et moi" (1994) der Hamburger Band Blumfeld die meistbesprochene deutsche Platte jener Jahre. Für diese neuartige Musik interessierten sich unterschiedliche Milieus. Kreidler trat im Vorprogramm von HipHop-Künstlern ebenso auf wie mit Elektronik-Acts. "Wir standen auf der Bühne und dachten, wir machen genau die Musik, die die Leute jetzt hören wollen", erinnert sich Stefan Schneider.

Kreidler hatten ihr Studio an der Niederrheinstraße in Lohausen, in der Nachbarschaft von Werbekünstler Charles Wilp. Auch Klaus Dinger, Schlagzeuger der frühen Kraftwerk und Gründer von Neu! und La Düsseldorf, produzierte in der Nähe. Auf ihre Verwandtschaft zu Neu! wurden Kreidler in England oft angesprochen, allerdings kannte keiner der Musiker diese Band - wegen juristischer Streitigkeiten waren Neu!-Platten ja nicht verfügbar. Also besuchten sie Dinger. Er überspielte ihnen seine Alben auf Kassette.

"Es war eine Zeit, in der man die Sehnsucht nach neuen Bedingungen für die kulturelle Produktion spürte", sagt Schneider. "An der Kunstakademie blickte man plötzlich verächtlich auf Leute, die noch vor der Staffelei standen. Das Lehrkonzept genügte nicht mehr, man organisierte auf eigene Faust Vorträge über HipHop und Cultural Studies, weil es einem gerade notwendig und wichtig erschien." Der Sound von Kreidler ist der Klang eines Aufbruchs, eines neuen Selbstverständnisses. "Wir fühlten uns einem Diskurs zugehörig, einer kulturellen Bewegung, die es auch in Hamburg, Wien und London gab." Gitarrenmusik war vorbei, nun ließen Leute wie Oval und Aphex Twin Ungeahntes hören, Genres wie HipHop und Drum & Bass wurden zum Soundtrack der Gegenwart.

"Weekend" jedenfalls klingt heute noch ungemein frisch. Und Thomas Klein erzählt, dass Kreidler gerade wieder im Studio waren, um ein Album unter den Bedingungen von damals aufzunehmen: "Ein Take. Anderthalb Tage. Fertig."

Es soll im April 2017 erscheinen.

Quelle: RP