In Sachen kalkulierte Aufregung bleiben die Berliner eine Klasse für sich. Der aktuelle Dreiklang: Hardcoreporno ("Pussy"-Video), ein Unheil verkündendes Cover (an die Bildgattung des Gruppenporträts angelehnt, etwa Rembrandts "Die Anatomiestunde des Dr. Tulp") und die gewohnt metaphernreichen Texte zur Soundwand zwischen Industrial, Metal, Alternativerock und bösem Pop.
Rammstein bleiben in eine Sprache gehüllt, die - passend zum Cover - Verlangen nach Nostalgie und dunkler Romantik bedient. Dahinter wartet natürlich stets eine unbarmherzige Härte aufs Comingout. Es wundert kaum, dass man in Bayreuth gerne mal was mit dem Rammsteinern machen würde, wie es zuweilen heißt.
Die zwischen schwermütigem Pathos und bösem Abgrund operierende Band rollt heuer wieder brachialer und deutlicher im Gleichschritt mit den Fans, wie der Opener "Rammlied", der im Refrain an alte Faith No More-Zeiten erinnert, oder "Waidmanns Heil" demonstrieren. Das zeigt auch der triolisch akzentuierte und fette Midtempo-Kopfnicker "Ich Tu Dir Weh".
Der Track bemüht in den Lyrics erwartungsgemäß jene Thematik, auf der Rammsteins Ruf ebenfalls beruht: Sex - bevorzugt in der abgründigen Variante bzw. in Verbindung mit Erniedrigung und Zwang ("Wiener Blut"). In diese Textkategorie gehört auch der Porno-Aufreger "Pussy", der in seiner poppigen Vordergründigkeit die wohl schwächste Nummer bleibt.
Bösartig und aggressiv walzen "B********" oder der partweise thrashende Titeltrack: Der Wechsel zwischen Spannung aufbauenden und sich beinhart entladenden Parts funktioniert reibungslos - zusammengeführt von Lindemanns prägnanter Lautmalerei, schlüssigen Bridges, düsteren Keyboards und Loopeffekten. Den Kontrast liefert der melodietrunkene Alternativerock "Frühling In Paris", der auch eine Edith Piaf nicht verschont.
"Haifisch" shuffelt wuchtig im Gitarren und Bläser- gestützten Elektropop-Modus: "Und der Haifisch, der hat Tränen / und die laufen vom Gesicht / doch der Haifisch lebt im Wasser / so die Tränen sieht man nicht / in der Tiefe ist es einsam / und so manche Zähre fließt / und so kommt es, dass das Wasser in den Meeren salzig ist" - das Heraufbeschwören dunklen Herzschmerzes: Rammstein beherrschen es aus dem Effeff.
Die kalkulierte Glätte der Vorab-Single "Pussy" bleibt über weite Strecken aus, derlei Eingängigkeit wird höchstens im ein oder anderen Refrain beibehalten. Stattdessen thematisiert "Roter Sand" ein klassisches Pistolenduell. Der Song kommt mit Bläsern und Chören statt Drums und schweren Gitarren aus - klingt nach einer Art Gothic-Western oder Mantel und Degen-Setting.
Man mag Rammstein in Sachen Texte respektive Image ablehnen, ihre Instrumentals und mitgröltauglichen Parolen fönen das Haupthaar trotzdem: knallende Snares, pumpende Bassdrums, bedrückend groovende Riffs, aggressive Vocals, atmosphärische Keyboardflächen - der internationale Erfolg der Berliner muss nicht verwundern.
Quelle: rpo


