Mitten in die große Stille hinein kräuseln sich erst nur leicht Violen, dann auch Violinen. Die Celli schlagen schon größere Wellen, durch die Peter Gabriel und seine Stimme tatsächlich noch schwimmen "like dolphins". Bald aber schaukelt sich das Orchester-Tutti auf und in dem Sturmgetöse gerät der Sänger-Hero doch in arg ins Schwanken.
Ein starkes Ausrufezeichen setzt Peter Gabriel an den Anfang seines Cover-Albums "Scratch My Back", das Original ist kaum wiederzuerkennen. Doch dem Genesis-Sänger glaubt man die Not, die durch die Fassade der Drogenhymne "Heroes" durchscheint, fast eher als ihrem Schöpfer David Bowie, bei dem ja selbst die Verzweiflung nur "Pose" war. Sagt jedenfalls Anton Newcombe.
Fast noch mehr als im Gesang drückt sich Gabriels starke Leistung aber im Arrangement aus. Seine Arrangeure John Metcalfe und Will Gregory spielen "Heroes" nicht nach, sie schaffen es neu. An die Stelle der verzerrten und dissonanten Gitarrenstimme des Original setzen sie ein sich steigendes Streicher-Stakkato, das die im Verlauf des Songtextes zunehmende Entrücktheit unterstreicht.
Hier und an anderen Stellen zeigt das u.a. an Neutöner Avro Pärt geschulte London Scratch Orchestra, wie nahe sich moderne Klassik und (anspruchsvolle) Popmusik mitunter kommen. Das Spannungsverhältnis und die vielen Berührungspunkte zwischen diesen beiden Musik-Welten prägt das ganze Album. Nur selten verlieren die Akteure dabei das rechte Maß, etwa wenn im Elbow-Cover "Mirrorball" sich Streicher und Blechbläser im Refrain gegenseitig überbieten wollen.
Andere Stücke wie etwa Arcade Fires "My Body Is A Cage" verbreiten dafür regelrechte Gänsehaut. Hier läuft der Sänger zu großer Form auf; sich so ganz und gar in ein Stück hineinzulegen, so ganz eins werden mit seiner Rolle, das können ja nur wenige.
Gabriels großartiger Enthusiasmus, seine Unfähigkeit zu jeder Doppelbödigkeit ruiniert allerdings auch manchen Track. So trägt etwa Lou Reed sein an sich rührseliges Liebeslied "The Power Of The Heart" stets mit viel Ironie und einer inneren Distanz vor, zu der Gabriel nicht fähig zu sein scheint.
Die Grundidee hinter dem Projekt mit dem vollständigen Titel "Scratch My Back ... And I Scratch Yours" war, dass Gabriel Songs von Künstlern covert, die dann ihrerseits Gabriel-Songs interpretieren. Dass er nun seinen Teil schon herausbringt, obwohl die 'Gegenleistung' noch aussteht, zeigt, dass bei dem früheren Genesis-Sänger Selbstbewusstsein an die Stelle eines übersteigerten Egos getreten ist.
Mit seinem ungewöhnlichen, aber insgesamt doch sehr beeindruckenden Cover-Album lehnt sich Gabriel weit aus dem Fenster - schön, dass dieser Mut zum Risiko sich offenbar in guten Chartsplatzierungen niederschlägt. Vielleicht wirkt er mit seiner Annäherung an die Klassik ja noch einmal stilbildendend. World Beat macht schließlich heutzutage jeder.
Quelle: rpo


