"Spotlight" mit Mark Ruffalo

Die Unbestechlichen

"Spotlight" mit Mark Ruffalo: Die Unbestechlichen "Spotlight" mit Mark Ruffalo: Die Unbestechlichen Foto: dpa, soe
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In "Spotlight" decken Reporter Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche auf. Ein glänzender Film, der auf Tatsachen beruht.

Zwei Stunden dauert dieser Film, und die meiste Zeit sitzt man staunend da und fragt sich, wie Regisseur Tom McCarthy es hinbekommt, den Zuschauer derart zu fesseln. Er inszeniert mit großer Sachlichkeit, er dreht den Film so, wie Hemingway geschrieben hat, präzise und ohne Adjektive nämlich, und zudem ohne Liebesgeschichte und Konkurrenzkampf unter den Figuren. Er zeigt, was war, und nicht, was hätte sein können. Keine Girlanden. Er macht es schlicht und effektiv. Dieser Film ist ein Hauptsatz.

Katholische Kirche in Nordamerika schwer erschüttert

Die Handlung, die auf wahren Begebenheiten beruht, spielt 2002. Damals veröffentlichten Reporter der Zeitung "Boston Globe" eine Artikelserie, die die katholische Kirche in Nordamerika schwer erschütterte. Priester missbrauchten Minderjährige, fanden die Journalisten heraus, Dutzende Priester und Hunderte Kinder. Milliarden an Entschädigungen wurden seither gezahlt, der Erzbischof trat zurück, und die Enthüller bekamen den Pulitzerpreis. Der Vatikan bezeichnet "Spotlight" denn auch als "ehrlichen" und "dringenden Film".

Es beginnt mit dem neuen Chefredakteur (Liev Schreiber) des "Boston Globe", einem jüdischen, allein lebenden Mann, der die Stadt nicht kennt und Baseball nicht mag. Ein Außenseiter in dieser Welt also, und der bärbeißige Kerl interessiert sich an seinem ersten Tag im Amt vor allem für eine kleine Meldung über einen pädophilen Priester. Er setzt die Recherche-Gruppe "Spotlight" auf den Fall an, die nimmt den Auftrag eher widerwillig an. Man sieht fortan vier Redakteuren mit aufgekrempelten Hemdsärmeln und Umhängetaschen voller Spiralblöcke beim Arbeiten zu, aber das ist so spannend und auf wundersame Weise auch so bewegend, dass sich der Newsroom von der Leinwand in den Kinosaal verlängert.

"Ich habe es meiner Frau nie erzählt"

Dabei läuft alles kontrolliert ab. Selbst die inzwischen erwachsenen Opfer führen keine hysterischen Anklagen, sie bleiben ruhig, ihre Bewegtheit drückt sich lediglich in kleinen, fein getimten Gesten aus. Man erfährt, dass viele Menschen von dem Ungeheuren wussten, dass aber jeder geschwiegen hat. "Ich habe es meiner Frau nie erzählt", sagt ein Opfer. "Niemand wollte einen Priester verhaften", sagt ein Polizist. Und ein Mann, der als Junge daheim von einem Priester missbraucht wurde, beantwortet die Frage, was denn seine Mutter getan habe, so: "Sie brachte uns Kekse."

Es bedurfte eines Fremden, eines Mannes von außen, damit diese Wand des Schweigens durchstoßen werden konnte. Das Boston in diesem Film hat kleinstädtische Strukturen, jeder kennt jeden, und da kann nicht sein, was nicht sein darf. Als die Spotlight-Gruppe längst genug Beweise aufgetürmt hat, trifft sich ein Kirchenvertreter mit dem von Michael Keaton gespielten Ressortleiter. "Dein Chefredakteur war schon in Miami und New York", sagt er. "Bald ist er wieder weitergezogen, aber wo willst du dann hin?" Das ist natürlich eine Drohung, da soll jemand aus der Gemeinschaft verstoßen werden, aber die Frage bewirkt das Gegenteil, sie funktioniert als Ansporn.

Vor allem Mark Ruffalo macht seine Sache umwerfend. Er ist ein linkischer Reporter mit Kuli hinterm Ohr, ein empathischer Terrier, der sich in die Sache verbeißt, ein Wühler, der sich nie abwimmeln lässt.

In einer Linie mit den "Unbestechlichen"

Dieser Film steht in einer Traditionslinie mit den "Unbestechlichen" von Alan J. Pakula, und irgendwann kommt der Punkt, an dem die Journalisten nicht mehr bloß in Akten blättern und zu Zeugen fahren. Sie verschaffen sich Zugang zum Kopf des Zuschauers, und dort machen sie uns klar, wie schwierig es ist, die Wahrheit zu sehen, und wie schmerzhaft, sie zu erkennen. Diese Reporter, das geht einem dann auf, könnten auch Soldaten sein, Ärzte oder Politiker. Was sie auszeichnet, ist ihre Mission, der Wunsch nach Gerechtigkeit und die Abneigung gegen selbstgesetztes Recht.

Dass man nichts akzeptiert, was für andere Menschen demütigend ist, darum geht es in diesem Film. Und darum, dass man lieber eine Frage zu viel als eine zu wenig stellen sollte - auch an sich selbst.

Tom McCarthy hat einen unglamourösen und glänzenden Kinofilm gemacht.

Spotlight, USA 2015 - Regie: Tom McCarthy. Mit Mark Ruffalo. 128 Min.

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Quelle: RP