Wildes Sibirien

Rise of the Tomb Raider im Test für Xbox One

Wildes Sibirien: Rise of the Tomb Raider im Test für Xbox One Wildes Sibirien: Rise of the Tomb Raider im Test für Xbox One Foto: Square Enix

Lara Croft ist zurück, aber kaum jemand kommt vorbei, um sie zu begrüßen. Im Test zeigen wir, warum das ein großer Fehler ist: Der neue Teil gehört zur absoluten Oberklasse!

Für Microsoft dürfte die Tomb Raider Exklusivität für 2015 nicht billig gewesen sein: Umso verblüffender und regelrecht fragwürdig erscheint der gewählte Termin der Veröffentlichung von „Rise of the Tomb Raider“: Am 13. November erschien das Spiel zeitgleich mit Fallout 4, welches inhaltlich nur wenig Überschneidung mit dem Titel bietet, wohl aber den größeren Hype für sich verbuchen konnte.

Noch wichtiger: Fallout 4 frisst eben die Zeit auf, die ansonsten für einen schnellen Run durch das neue Tomb Raider verblieben wäre. So wandert die Ikone der virtuellen Damenwelt erstmal auf die Ersatzbank.

Das zeigen auch die ersten Verkaufszahlen aus England: Dort stieg „Rise of the Tomb Raider“ auf Platz 4 der Charts ein und verkaufte weniger als 63.000 Einheiten – wohlweislich für Xbox One UND Xbox 360. Das Reboot von Tomb Raider konnte im März 2013 noch 183.000 Einheiten absetzen – damals allerdings zusammen für PlayStation 3, Xbox 360 und PC.

Lara Croft gegen russische Bären und Lawinen Rise of the Tomb Raider - Screenshots 26 Fotos

Wir drücken die Daumen, dass sich die Situation bis zum Weihnachtsfest verbessert, denn eines steht fest: Mit „Rise of the Tomb Raider“ hat die Xbox One eines der größten Highlights des Jahres auf seiner Seite. Soviel können wir vorab sagen: Das Spiel ist eine audiovisuelle Wucht, lässt uns jederzeit gebannt vor dem Bildschirm kleben und verbessert den ohnehin bereits exzellenten Vorgänger an vielen Stellen.

Lara mag Nathan

Seit dem Reboot von Tomb Raider vor zwei Jahren ist die einst eher „langsame“ Serie kaum mehr wiederzuerkennen: Atemberaubende Verfolgungsjagden, packende Action-Szenen und genial inszenierte Kletterpassagen reihen sich im Sekundentakt aneinander. Das alles geschieht in einer Umgebung, die visuell so eindrucksvoll gestaltet ist, dass wir beim Testen mehrfach innehalten und einen ausschweifenden Blick über die faszinierenden Landschaften werfen mussten. Wow. Uff. Super. Mehr davon!

Bereits der Vorspann zum neuen Abenteuer ist Hollywood-reif inszeniert und lässt Lara über einen Gletscher in Sibirien klettern: Natürlich geht dabei einiges schief, so dass sich die junge Abenteurerin von einer Lawine verschüttet und von ihrer Gruppe getrennt im sibirischen Hinterland wiederfindet.

Hier beginnt dann auch das „richtige“ Spiel, welches sich mit seinen „Open World“- und „Sammel“-Attitüden dann doch weit genug von der kinoreifen Uncharted-Inszenierung abwendet, um eigenständig auf zwei Beinen zu stehen. Um das erste Lagerfeuer zu entzünden will erstmal Holz gesammelt werden, wenig später wird Jagd auf die ersten Wildtiere gemacht. Schließlich will Madame auch mal was hinter die Beißerchen bekommen!

Mit diesen Sammelaufgaben meinen es die Entwickler von Crystal Dynamics abermals zu gut: Ganz egal ob vergrabene Münzen, kryptische Schrifttafeln und Höhlenbilder (die eure Fertigkeit verbessern, antike Sprachen zu dechiffrieren), sowie jede Menge Materialien zur Modifaktion eurer Waffen, Lara Croft hat so einiges zu sammeln.

Die Suche nach diesen in der Welt verteilten Schätzen macht durchaus Spaß, erschöpft sich aber ebenso schnell im rund 12- bis 15-stündigen Abenteuer. Wer wirklich alles sehen und sammeln will, dürfte weit über 25 Stunden mit Lara Croft durch Sibirien ziehen.

Lara lernt dazu

Etwas unlogisch erscheint die anfangs stark eingeschränkte Lara Croft schon: Während sie im Vorgänger bereits zum Pfeil und Bogen Profi geworden ist, fängt Madame in „Rise of the Tomb Raider“ praktisch wieder bei Null an. Wäre ja auch langweilig, wenn sie gleich zu Beginn des Spiels alle Fertigkeiten blind beherrschen würde.

Und so levelt ihr euch erneut durch die Geschichte, wobei ihr bei jedem „Level Up“ einen wertvollen Skillpunkt verteilen dürft. Der dazugehörige Talentbaum, der abermals in drei Abschnitte aufgeteilt wurde, bietet viel Freiraum zum Austoben,: "Brawler", "Hunter" und "Survivalist" bieten euch unterschiedliche Fertigkeiten, die euren Spielstil teils stark beeinflussen.

So stecken Kämpfernaturen ihre ersten Punkte am besten in Fertigkeiten wie „Thick Skinned“ (Mehr Schaden wegstecken) oder „Duelist Reflexes“ (verbessert den Konter-Kill), während Pazifisten sich über Fertigkeiten wie „Scavenger“ (mehr Loot!) und „Lightfood“ (weniger Fallschaden aus großen Höhen) freuen. Egal ob Sammler, Schleicher, oder brachialer Kämpfer: Jeder Spielstil wird von den Talenten unterstützt.

Lara sieht gut aus

Wie bereits angedeutet ist „Rise of the Tomb Raider“ audiovisueller Hochgenuss par excellence. Dafür, dass der Großteil des Abenteuers in Sibirien angesiedelt ist, kommt die Welt erstaunlich vielseitig daher: Von stürmischen Gipfeln durch schneebedeckte Täler, von grünen Wäldern bis in klirrend kalte Gletscherhöhlen wird euch optisch so einiges geboten.

Rise of the Tomb Raider (6) - image/jpeg

Noch mehr Varianz bringt das Wetter, welches die grafische Brillianz weiter veredelt: Ob verträumter Sonnenuntergang, eisiger Schneesturm oder Wolkenbrüche, die Wettereffekte tragen einen großen Teil zur Atmosphäre bei. Toll: Auch die Kleidung von Lara reagiert auf ihre Umgebung und ist entweder von Schneeflocken übersät, komplett durchnässt oder von Blut- und Schlammspritzern bedeckt. Es gibt so unglaublich viele Details, dass das Auge kaum mehr mitkommt: Absoluter Wahnsinn, was die Entwickler hier abgeliefert haben!

Last but not least: Laras wallende Haare waren im Vorgänger das beherrschende Thema jeder Technik-Diskussion und bekamen in der „Next Gen“-Version ein besonderes Update spendiert. Wer sich hingegen Laras neue Frisur anschaut, wird für die alte Darstellung nur noch ein müdes Lächeln übrig haben: Lara, du hast die Haare schön!

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Lara erzählt eine Geschichte

In Sachen Handlung reißt leider auch „Rise of the Tomb Raider“ keine Kreativ-Bäume aus dem erzählerisch trockenen Boden: Die Bösewichte bleiben blass, die Abenteuergeschichte rund um die „Unsterblichkeit“ und einen mysteriösen Propheten bestenfalls klischeehaft. Daran können dann auch die toll vertonten Zwischensequenzen nicht rütteln.

Apropos gut „vertont“: Die deutsche Schauspielerin Nora Tschirner hat die Rolle für „Rise of the Tomb Raider“ abgelehnt und macht Platz für Maria Koschny, die Stimme hinter dem aktuellen Hollywood-Darling Jennifer Lawrence (Die Tribute von Panem). Koschny macht dabei einen so guten Job, dass wir Tschirner schnell vergessen haben.

Wer die Sprache auf „englisch“ stellt, darf sich dagegen wieder über die geniale Camilla Luddington (Dr. Jo Wilson aus Grey's Anatomy / Lizzie aus Californication) freuen. Meine persönliche Wahl fiel auf letztere.

Lara rätselt

Wie bereits im Voraus von Crystal Dynamics versprochen wurde, legten die Entwickler bei „Rise of the Tomb Raider“ größeren Wert auf die Rückkehr der serienbestimmenden „Tombs“, düsterer Höhlen und Verliese, gespickt mit fiesen Fallen und Rätseln.

Und tatsächlich finden sich im Spiel gleich mehrerere dieser legendären Höhlen, in denen ihr euer Köpfchen auch mal einschalten und die Maschinenpistole auf den Rücken hängen könnt. Wer aus irgendwelchen Gründen keine Lust auf den guten Stoff haben sollte, der darf übrigens durchatmen: Viele dieser Höhlen sind vollkommen optional.

Ebenso optional sind die neuen Nebenquests, die Lara von den Bewohnern der Taiga erhält: Befreit Geiseln, oder zerstört Funktransmitter, um euch einen zusätzlichen Bonus zu verdienen.

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Fazit

Mal abgesehen von der eher unspektakulären Hintergrundgeschichte, leisten sich Crystal Dynamics eigentlich keinen einzigen Faux-Pax: Audiovisuell ist „Rise of the Tomb Raider“ ein Hochgenuss, der jederzeit flüssig über den Bildschirm flackert, spielerisch baut es auf dem spaßigen Grundgerüst vom Vorgänger auf und verbessert dieses an allen Ecken und Enden.

Mehr Höhlen zum Erforschen und zum Rätseln? Check! Bessere Kämpfe mit unzähligen Möglichkeiten, die Gegner um die Ecke zu bringen? Check!

Kurz: Rise of the Tomb Raider ist ein nahezu perfektes Abenteuerspiel geworden, welches euch durch seine unglaublich gute Inszenierung weit über 10 Stunden vor dem Bildschirm fesseln wird. Zeitgleich ist es tatsächlich ein guter Grund sich vor Weihnachten doch noch eine Xbox One zuzulegen, wenn nicht bereits geschehen.

Alle anderen müssen sich bis 2016 gedulden: Im Frühjahr soll der Titel zuerst auf PC erscheinen, im vierten Quartal 2016 dann – höchstwahrscheinlich inklusive aller bis dann veröffentlichter DLCs – für die PlayStation 4. Ob ihr solange warten könnt, müsst ihr mit eurem Gewissen ausmachen. Und mit Fallout 4.

„Rise of the Tomb Raider“ erhält von uns 9 von 10 schimmelnden Skelettkriegern, 5 von 5 Bärentatzen ins Gesicht und 91 Prozent puren Abenteuerspaß. Legendary!

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