Auf Shepards zu großen Spuren

Mass Effect Andromeda im Test

Auf Shepards zu großen Spuren: Mass Effect Andromeda im Test Auf Shepards zu großen Spuren: Mass Effect Andromeda im Test Foto: EA
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Nach einer Woche mit Mass Effect Andromeda auf der PS4 Pro ziehen wir ein erstes Fazit. Das Spiel ist wunderschön und macht Spaß. Es kommt aber nicht an die Vorgänger heran.

Manchmal läuft auch alles schief. Du wachst nach 600 Jahren Tiefschlaf in einer Stasis-Kapsel auf, und dein Schiff wird nach der langen Reise zur 2,5 Millionen Lichtjahre entfernten Andromeda-Galaxie von einer mysteriösen Energiewolke beschädigt. Die versprochenen paradiesischen Welten gleichen unwirtlichen Höllen. Und die vorausgeflogene Raumstation leidet unter mangelnden Ressourcen sowie einem gerade erst niedergeschlagenen Aufstand von Kolonisten, die sich betrogen fühlen. Und um das Pech perfekt zu machen, gibt es mit den Kett eine Alienrasse, denen die Pioniere aus unserer heimischen Milchstraße im Weg stehen.

Es gibt bessere Zeiten, um als Ryder-Sprößling notgedrungen die Rolle des Vaters Alec Ryder zu übernehmen. Der war nicht nur eine der treibenden Kräfte der Andromeda-Initiative, sondern auch ein Pathfinder. Also jemand, der den Weg für die Kolonisten auf den versprochenen "Goldenen Welten" ebnen sollte.

Nach seinem tragischen Tod geht das Amt auf seinen Sohn oder seine Tochter, je nach Wahl des Spielers, über. Aber nicht jeder ist davon begeistert, dass diese Rolle einfach vererbt wird. Etwas, dass man den neuen Pathfinder durchaus spüren lässt, der zugegeben wenig Erfahrung hat und sich in dieser Rolle finden muss.

Wunderschöne Planeten mit dem "Sense of Wonder"

Das, womit andere ein eigenes Spiel gestalten würden, ist nur der komplexe Anfang von Mass Effect Andromeda. Die Entwickler von Bioware haben sich alle Mühe gegeben, um alte und neue Spieler der legendären Trilogie in eine neue Galaxie mitzunehmen und sie vor einem großen Haufen Probleme zu stellen. In einer grandios aussehenden Spielewelt: Wirken die Raumschiffe noch etwas antiseptisch, sind die Planeten wunderschön gestaltet und in Szene gesetzt. Von exotisch bis geheimnisvoll, von prägnanten, erodierten Felsen in Wüsten bis hin zu den vor Leben strotzenden Urwäldern – man fühlt sich wie ein Raumfahrer, ein Forscher und Entdecker, der dorthin gegangen ist, wo noch nie zuvor ein Mensch gewesen ist. Mass Effect Andromeda ist ein optisch umwerfendes Spiel auf dem Testsystem: einer PS4 Pro mit zwei Terabyte Hybrid-HD.

Mass Effect Andromeda 7 - image/jpeg

Doch Optik ist nicht alles. Vor allem nicht bei einem Rollenspiel aus dem Haus Bioware. Und bei der Story hat man sich für einen gemächlichen Weg entschieden. Anfangs ist unsere Hauptfigur, der Ryder-Sohn oder die Ryder-Tochter, alles andere als charismatisch. Unerfahren und voller Selbstzweifel sitzen viele der Witze nicht. "Ich esse lieber als gefressen zu werden", sagt er recht früh zu Beginn. Cool und witzig ist anders.

Selbst die künstliche Intelligenz SAM im Spiel hat bessere Nerd-Gags auf Lager. Das kann man als schlechte Schreibe abtun, aber es steckt mehr dahinter. Unser Held muss erst noch wachsen und mit dem Druck fertig werden, dass die Hoffnungen Zehntausender Kolonisten auf seinen Schultern ruhen – die alle gestrandet sind: Für die 600 Jahre lange Reise in den Stasis-Kapseln nach Andromeda gibt es kein Rückfahr-Ticket. Bei der ersten Landung als neuer Pathfinder auf einem Planeten sagt er darum alles andere als von sich überzeugt: "Wir schaffen das. Wir schaffen das...oder?" Mit den ersten Erfolgen und dem Vertrauen des Teams indes wird er immer cooler und selbstbewusster.

Die Hauptfigur wächst im Laufe des Spiels

Wir verfolgen in dem Rollenspiel, wie der Held wächst. Anders als Commander Shepard aus der ersten Trilogie ist er nicht per Definition ein Veteran und Badass, sondern er muss erst dazu werden. Dieses vorsichtige Herantasten an die Charaktere gilt aber auch für das Team. Anders als Garrus, Urdnot Wrex oder Tali aus den ersten drei Teilen muss man die neuen Figuren erst kennenlernen, bevor sie offener und damit auch interessanter werden.

Mass Effect Andromeda 4 - image/jpeg

Andromeda erwartet von dem Spieler die Bereitschaft, sich auf die Geschichte einzulassen – die sich dann langsam entfaltet und immer besser wird. Schließlich gibt es auf vielen Planeten Relikte einer untergegangenen Zivilisation – mit der Macht, ganze Welten zu lebensfreundlichen Paradiesen zu formen. Sie sind der Schlüssel, damit die Kolonisierung doch noch ein Erfolg wird. Nur leider sind die Kett ebenfalls sehr an den Relikten interessiert und dulden keine Konkurrenten. Am Ende geht es darum, die Geheimnisse um die Erbauer der Relikte zu entschlüsseln und sich dabei den Kett zu erwehren.

Zugegeben, das klingt zunächst ein wenig nach dem ersten Mass-Effect-Teil mit den Hinterlassenschaften der Protheaner und den Geth. Das Story-Rad erfindet Bioware tatsächlich nicht komplett neu. Es ist aber trotzdem spannend und auch wieder ganz anders als im ersten Teil. Die ganze Story entfaltet sich aber nur, wenn man nicht durch das Spiel rast, sondern sich Zeit nimmt. Beispielsweise für die durchaus abwechslungsreichen Nebenmissionen, die einen zwingen, die Planeten zu erkunden. Auch im Kodex verstecken sich viele Informationen, die ein klareres Bild der Vorgänge und der Charaktere zeichnen. Man kann sehr viel Zeit damit verbringen, die Inhalte der Ingame-Bibliothek, die ständig aktualisiert wird, zu lesen.

Es gibt wirklich sehr viele Dialog-Szenen

Zudem gibt es viele Dialog-Szenen. Wirklich viele Dialog-Szenen. Sie bringe aber dem Spieler die Charaktere näher. Im Spiel haben wir recht schnell eine heftige Diskussion mit unserer sehr gläubigen Wissenschaftsoffizierin über Wissenschaft und Religion geführt. Das sind grandiose Momente im Spiel. Leider wirken manche Charaktere puppenhaft starr, wenn sie reden. Aber: Die schlechten Gesichtsanimationen tauchen tatsächlich nicht so häufig auf, und es ist nicht sehr viel schlimmer als in der ersten Trilogie. Ist das Fortschritt bei Bioware? Nein! Aber ein Rückschritt ist es auch nicht.

Viel gravierender ist, dass die vielen Dialoge Andromeda immer wieder entschleunigen. Bioware ist da zum Opfer der eigenen Ambitionen geworden. Noch vielschichtigere Charaktere, noch mehr Story, noch mehr Hintergründe – das alles stellt aber manchmal dann doch die Geduld auf die Probe. Zudem versteckt es die Qualitäten eines aufwändigen Spiels mit viel Tiefgang, das natürlich mit der ersten Trilogie verglichen wird. Und die hatte tatsächlich ein höheres Erzähl-Tempo.

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Spielerisch dagegen bietet Andromeda mehr als die ersten Teile. Das Kampfsystem ist mit dem Jetpack dynamischer geworden. Man springt, schwebt und hüpft von Deckung zu Deckung. Im Kampf gegen Feinde, die alles andere als stillstehen. Sie suchen ebenfalls Deckung, greifen an, versuchen einen zu umgehen oder in die Enge zu treiben.

Gerade zu Beginn gibt es Auseinandersetzungen, die schon auf dem normalen Schwierigkeitsgrad nicht ganz so leicht sind. Man muss das Kampfsystem schon verstehen lernen – und die komplexe Benutzeroberfläche. Die wirkt nicht nur altmodisch. Sie will zu viel. Unzählige Waffen, Rüstungen und Modifikationen lassen sich erforschen – mit jeweils sieben Ausbaustufen. Erst dann lassen sie sich bauen – mit vielen Modifizierungen. Weil weil man zudem noch die Wahl zwischen Milchstraßen-, Andromeda- und Relikt-Technik hat, wird es sehr schnell sehr unübersichtlich. Man verbringt viel Zeit damit, Werte zu vergleichen und abzuwägen – wofür man die knappen Rohstoffe nun einsetzt.

Wenig Bugs, verwirrende altmodische Oberfläche

Auch beim Charakter hat man eine breite Auswahl an Fähigkeiten, in die man bei jedem Level-Aufstieg Punkte investieren kann. Daraus bilden sich mit der Zeit Spezialisierungen, sogenannte Profile. Bis zu vier davon kann man dann mit jeweils drei Fähigkeiten hinterlegen, zwischen denen man im Kampf wechseln kann. Die Idee dahinter ist klar: Ryder kann je nach Situation ein Nahkampf-Experte oder ein Technik-Freak sein, der aus der Ferne Schutzschilde manipuliert oder Geschütz aufs Feld zaubert. In der Praxis ist das aber gerade anfangs verwirrend. Auch das entschleunigt das Spiel zu Beginn ungewollt.

Und die Bugs? Nach einer Woche auf der PS4 Pro mit 2 TB SSHD und Day-One-Patch sind uns keine größeren Bugs aufgefallen. Drei- oder vier Mal wurden Texturen nach der Landung auf einen Planeten kurz nachgeladen. Einmal steckte ein Gast der Vortex-Bar zur Hälfte in der Tanzfläche fest, bis Ryder sich ihr näherte und sie zu andern Gästen ging. Und einmal tauchte ein Kolonist aus dem nichts auf. Das war es.

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Großes Spiel, das aber nicht an den ersten Teil herankommt

Mass Effect Andromeda ist auf der PS4 Pro kein bugverseuchtes, unspielbares Machwerk - wie es aktuell dank vieler wütender Foren-Nutzer, und unzähliger YouTube-Videos den Anschein hat. Es ist eine epische Space Opera voller "Sense of Wonder".

Die Story und die Charaktere fesseln – wenn man dem Spiel die Zeit dafür gibt. Bioware stand sich da leider oft selbst im Weg. Und dennoch ist ein großes Rollenspiel gelungen, das aber nicht den Zauber des ersten legendären Teils ausstrahlt. Dafür sind die Fußstapfen eins Commander Shepard aber vielleicht auch zu groß.

Unsere Wertung: 10 von 13 Medigel-Einheiten. 83 von 100 Forschungspunkten, 27 von 33 bionischen Lanzen, 175 von 200 Dialog-Szenen.

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