Vom Pissemann, der auszog Mammuts zu häuten

Far Cry Primal im Test

Vom Pissemann, der auszog Mammuts zu häuten: Far Cry Primal im Test Vom Pissemann, der auszog Mammuts zu häuten: Far Cry Primal im Test Foto: Ubisoft

Takkar groß, Takkar stark, Takkar häuten Mammuts, Bären und Säbelzahntiger! Der neue Held von Far Cry Primal geht auf große Steinzeit-Jagd und vereint nebenbei den Stamm der Wenja, um sie gegen die einrückenden Udam-Menschenfresser und die fortschrittlichen Pyromanen des Izila-Stammes zu beschützen.

Hört sich nach einer Menge Arbeit an? Richtig! Trotz vieler Bekundungen man wolle mit Far Cry Primal etwas komplett neues ausprobieren, bleiben sich die Entwickler letztendlich doch wieder treu und liefern genau das, was viele befürchtet haben: Ein Sammelsurium aus "Sammel X und Töte Y"-Quests, inklusive den Serien-typischen Einnahmen von Stützpunkten, dem Entzünden von Leuchtfeuern (alias "den neuen Türmen") und so vielen Ressourcen zum Horten, dass Held Takkar bald mit krummen Rücken durch die Wälder hinkt.

Deswegen bereits im Voraus eine Warnung für alle, die in den letzten Jahren eine Überdosis "Ubisoft-Game-Design" genossen haben: Far Cry Primal basiert erneut auf der klassischen Ubisoft-Formel und reizt allen voran aufgrund des neuen Settings, sowie der einhergehenden Abstinenz von modernen Waffen und Fahrzeugen.

Yabba dabba doo! Far Cry Primal - Screenshots 21 Fotos

Menschenfresser und Pyromanen

Die Handlung setzt mit einer Jagd auf wilde Mammuts spektakulär an: Bei der Jagd wird euer kompletter Stamm ausradiert und Takkar selbst kann in letzter Sekunde dem Angriff eines Säbelzahntigers entfliehen. Dabei purzelt ihr einen Abhang hinunter und vernehmt die letzten Worte eines guten Freundes: "Findet den Stamm der Wenja im gelobten Land Oros und siedelt euch dort an!"

Das ist natürlich nicht so einfach, wie es sich anhört: Die Wenja sind quer durch die Ländereien verstreut und werden von den, aus dem Hohen Norden einfallenden Udam gehörig aufgerieben. Binnen der ersten Spielstunden macht ihr auch gleich Bekanntschaft mit dem Anführer der Udam: Ull ist ein fieser Brocken, der seine mordgeile Sippschaft sofort in den Krieg gegen die Wenja schickt und fortan als Bösewicht herhalten muss.

Berg- und Talfahrt

Die gesamte Handlung, sowie Takkar bleiben im Laufe des Spiels erstaunlich blass, was man von den Kulissen definitiv nicht behaupten kann: Von dichten Wäldern über Wiesen und labyrinthartige Höhlen, von hohen Bergwipfeln bis in die braune Steppe und die verschneiten Wipfel des angrenzenden Gebirges gibt sich das Landschaftsbild sehr unterschiedlich. Dabei bleibt ihr nicht selten mit offenem Munde stehen und begutachtet die Kulissen: Einfach atemberaubend, was Ubisoft hier abliefert!

Aus "Far Cry 4" übernommen ist die hohe Vertikalität des Geländes: Oft pirscht ihr euch Hügel und Berge hinauf, oder kraxelt später mit einem Kletterhaken von Massiv zu Massiv. Dabei profitiert die Landschaft grafisch ungemein vom steten Tageszeitenwechsel: Wer sich auf einen hohen Bergvorsprung gekämpft hat, genießt teils überwältigende Panoramen bei Sonnenauf- und Untergang.

Der Tageszeitenwechsel hat auch spielmechanische Auswirkungen: Nachts ist das Wildleben in der Natur besonders fies, unter anderem machen dann Wolfsrudel auf euch Jagd. Die beste Waffe gegen die fiesen Viecher: Feuer! Mit Tierfett entzündet ihr sowohl Keule, als auch Speer und Bogenpfeil und lasst damit die Nacht zum Tag werden – nerviges Viehzeug bleibt euch auf diese Weise erstmal fern.

Cool: Pyromanen lassen ganze Abschnitte in Flammen aufgehen und fräsen sich so quer durch die Natur. Nebenbei entdeckt ihr hinter niedergebrannten Dornenhecken versteckte Schätze, oder brecht mit eurem Speer geheime Höhlenzugänge auf.

Sehr gut gefällt der Survival-Ansatz, der leider nicht konsequent zu Ende gedacht wurde: Takkar sammelt Heilkräuter und Pflanzen um seine Lebensenergie aufzufrischen, doch Dinge wie Müdigkeit und Hunger werden komplett ignoriert. Das ist insbesondere deswegen Schade, weil das Setting nach solchen Features geradezu schreit: Als einsamer Krieger unterwegs in der steinzeitlichen Natur, mutiert Takkar dank unzähliger, freispielbarer Skills und Fertigkeiten viel zu schnell zum Far Cry'esquen Hobby-Rambo.

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Auch der Schwierigkeitsgrad ist – zumindest auf "Normal" - zu niedrig: Sind die ersten Aufeinandertreffen mit Säbelzahntiger, Höhlenbär und schwer bewachten Außenposten der Udam noch nervenaufreibend, legt ihr euch dank der Wiederholung der Aufgaben schnell eine entsprechende Strategie zurecht, mit der sich dann praktisch jeder Kampf binnen weniger Minuten erfolgreich bestreiten lässt. So weicht die anfängliche Faszination schnell dem Steinzeit-Alltag.

In den Kämpfen greift ihr primär auf den Bogen zurück, um Gegner bereits aus der Ferne per simplen Kopfschuss niederzustrecken. Im Nahkampf hingegen teilen ein- und zweihändige Keule, sowie ein potenter Speer ordentlich aus. Nebenbei schaltet ihr im Spielverlauf Bomben frei, die wilde Bienen auf eure Gegner loslassen: So schaltet ihr gleich mehrere Menschenfresser auf einmal aus.

Streichelzoo

Als wäre Takkar noch nicht stark genug, dürft ihr zudem auf diverse Begleiter zurückgreifen: Per Fleischköder zähmt ihr Wölfe, Pumas und später sogar Säbelzahntiger und Höhlenbären, das dazugehörige Anschleichspiel ist extrem simpel und lässt euch den Respekt vor den Kreaturen der Urzeit schnell verlieren. Die so gewonnenen Begleiter wechselt ihr jederzeit per Mini-Menü aus, belebt sie mit roten Blättern wieder und schickt sie per Befehl auf den gewählten Gegner: Bären teilen stark aus, Wildkatzen schleichen sich an eurer Seite durch das gegnerische Lager.

Last but not least: Eure treue Eule späht das Gebiet von oben aus, markiert Gegner und kann per Sturzflug sogar selbst aufräumen. Wirklich oft genutzt haben wir den coolen Kautz aber kaum.

Pissemann auf Tour

Tingelt Takkar anfangs noch alleine durch die Gegend, trefft ihr schnell auf eure erste Wenja-Bekanntschaft: Eine Frau mit eigentümlichen Hobby, dem Sammeln von Udam-Ohren. Schnell ist klar: Die Höhle und das Tal davor wird umfunktioniert zur neuen Bleibe für die Wenja! So dreht sich eine der ersten Aufgaben darum Spezialisten zu finden, die euch weiter im Kampf gegen die Natur und die Udam zur Seite stehen.

Darunter: eine gewiefte Jägerin, ein stolzer Krieger und ein eigentümlicher, einarmiger Sammler, der euch zur Begrüßung erstmal in eine Falle fallen lässt und euch ins Gesicht pieselt. Euer neuer Spitzname nach der Pippi-Dusche: Pissemann. Ja, die Übersetzung ins Deutsche ist Ubisoft hervorragend gelungen – sprechen tun die Gesellen übrigens jeweils ihren eigenen Dialekt einer urzeitlichen Sprache.

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Die neu rekrutierten Spezialisten siedeln sich nach dem ersten Treffen und der Erledigung einiger Aufgaben dann in eurem Dorf an: Baut ihnen ein paar schicke Hütten, um zusätzliche Fertigkeiten und Gegenstände einzuheimsen.

Leider konzentriert sich das "Dorfbau"-Feature einzig und allein auf diese Hütten: Hier erhaltet ihr neue Aufgaben und treibt die Geschichte voran, die sich spätestens nach fünf bis sechs Stunden Spielzeit erstmal komplett in den Hintergrund zurückzieht, um Sachen wie einer Großwildjagd und dem Erobern feindlicher Stützpunkte Platz zu machen. Spätestens hier verliert Far Cry Primal auch seinen roten Faden.

Steinzeitliches 360 Grad Panorama

Audiovisuell ist es Ubisoft extrem eindrucksvoll gelungen, die Urzeit auf PlayStation 4 und Xbox One zum Leben zu erwecken: Die PC-Version konnten wir zum Zeitpunkt dieser Zeilen leider noch nicht unter die Lupe nehmen, aber zumindest auf Konsole läuft das Abenteuer stets rund und begeistert mit enorm vielen Details, hoher Weitsicht und der Far Cry typischen Tierliebe: Bären, Wildhunde und Mammuts sehen einfach beeindruckend gut aus.

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Als etwas "too much" kommen dagegen die Licht-Effekte daher: Die Sonne strahlt euch manchmal so ins Gesicht, dass ihr vor lauter "Bloom" kaum mehr die Landschaft erblicken könnt. Dafür umso beeindruckender bricht sich das Licht in den Wäldern und unter Wasser: Selbst nachts wirft der Mond fantastische Schatten durch das Buschwerk und bringt euch einer Szenerie näher, in der das Schleichen und das Jagen einfach Spaß machen.

Kurz: Egal ob Grafik, oder Sound, an dieser Stelle liefert Ubisoft gewohnt genial ab.

Fazit

Far Cry Primal versteht es binnen der ersten Spielstunden prima den Spieler in sich hineinzuziehen: Das neue Setting weckt das Interesse, die Abstinenz von modernen Waffen tut der Spielmechanik gut und die ersten Begegnungen mit wilden Wölfen in der Nacht, das erste Erforschen düsterer Höhlen und das erste Aufeinandertreffen mit den menschenfressenden Udam garantieren Spannung und Gänsehaut-Momente en masse.

Es steckt wirklich viel drin in diesem Far Cry Primal, was einfach gut ist, was Spaß macht und motiviert. Ihr merkt schon, das hier läuft auf das große ABER hinaus: Ubisoft ertränkt euch im weiteren Spielverlauf, also nach gut fünf bis sechs Stunden, mal wieder so stark mit – teils belanglosen – Aufgaben, dass die anfänglich auf Hochdampf pulsierende Motivation unter der steten und lauten Dauerbeschallung durch "Hilf hier! Hilf da!" in sich zusammenfällt.

Nicht falsch verstehen: Far Cry Primal ist kein schlechtes Spiel. Anfangs ist es ein ganz fantastisches Spiel, dem der Drang nach "mehr" sichtlich unter den urzeitlichen Fingern brennt. Für "mehr" reicht es dann letztendlich nicht, wohl aber für einige der imposantesten Kulissen (die Karte ist gigantisch groß!) und denkwürdigsten Momente der Seriengeschichte.

Ich persönlich werde dabei den Eindruck nicht los, dass auch Far Cry Primal besser hätte werden können, wenn sich Ubisoft komplett vom Franchise gelöst und etwas Eigenständiges auf die Beine gestellt hätte. Den Namen und der Mechaniken eines „Far Cry“ hätte es dazu nicht bedurft.

Far Cry Primal erhält von uns 4 von 5 steinzeitlichen Relikten, 8 von 10 frisch gehäuteten Mammuts und 82 Prozent Wolfsgeheul in der Mitte der Nacht. Awroooooo!

Far Cry Primal ist ab sofort erhätllich für Xbox One, PlayStation 4 und PC.

Für PC'ler nicht uninteressant: Der zynische Brite (YouTuber Total Biscuit, The Cynical Brit) nimmt pünktlich zum Start die PC-Version auseinander und zeigt, dass diese für die Hardware sehr fordernd daherkommt. Mehr im folgenden Video:

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