Dance-Power

Bobby O: Primitive Primal Scream

Dance-Power : Bobby O: Primitive Primal Scream Foto: PR
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Der Mensch glaubt an Wunder. Der eine mehr, der andere weniger. Aber manchmal geschehen sie wirklich. In diesem Falle hier handelt es sich um das neue Album von Robert Phillip Orlando aka Bobby O. Musikalisch sozialisierten Menschen wird der Name etwas sagen. Denn Bobby O hat die Pet Shop Boys entdeckt und ihnen mit „West End Girls“ zu Weltruhm und dem internationalen Durchbruch mit der bereits zweiten Single verholfen.

Darüber hinaus war er nahezu ausnahmslos der Produzent der legendären Flirts, die mit „Passion“ und „Helpless“ zwei Über-Hits der Disco-Ära verzeichneten. Desweiteren hat Orlando hunderte, manche behaupten tausende Tracks veröffentlicht, die stets eine ganz bestimmte, eigene Qualität hatten. Vor einigen Jahren tauchte der Mann dann mit einem neuen Album auf, nachdem sich hartnäckig die wildesten Gerüchte hielten, er sei verstorben, arbeite als Anwalt oder habe 12 Kinder und lebe zurückgezogen in New York. Die Örtlichkeit mochte stimmen, der Rest klang abenteuerlich. So auch die Zusammenstellung der Songs auf dem ersten „Comeback“-Album „Outside The Inside“ – klang sie doch eher wie eine Collage aus Liedern, die man im letzten Jahrzehnt im stillen Kämmerlein vor sich hin produzierte hatte. Allerdings auf hohem Niveau, denn speziell und fantastisch allesamt.

Schon mehr aus einem Guss dann weitere Alben namens „Bright Nothing World“ und „Social Contract Theory“ – ausgelegt auf die Hi-NRG Ohren eines tanzwütigen Publikums. Interessant daran, dass die Ingredienzien, die Bobby O's Sound stets so unverwechselbar machten, auch hier wieder Anwendung fanden. Treibende Basslines, wilde Percussions, wunderbare Harmonien mit erhebenden und belebenden Wendungen, teilweise melodramatische Texte, die intimen Bekenntnissen gleichen. Unwillkürlich muss man an Tony Caso's „Dancing In Heaven“ denken.

Für die, die Disco Musik als Teil ihres Lebens verstehen, ist dieser Mann also wieder aus dem Dance-Olymp herabgestiegen, als würden Michael Jackson und John Lennon Hand in Hand auf der Bühne erscheinen, und von einem Traum sprechen wie einstmals Bobby Ewing im seligen „Dallas“. Doch damit nicht genug. Nun liegt ein weiteres Album vor, „Primitive Primal Scream“ betitelt. Und dieser Urschrei mag manchen entfahren, wenn er oder gar sie sich durch die 14 energetisch aufgeladenen Tracks hört.

Und – gerade auf Kopfhörer – vollkommen von Bobby's unglaublicher Stimme gefangen genommen wird. Wäre „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ nicht so tragisch ausgegangen, es hätte auf ewig genau diese Wärme verspürt, die dieses Sangesorgan ausmacht. Textzeilen „Sowing the seeds of your own destruction … all your greed, foolishness and corruption“ oder dem intimen Geständnis in „Brother“ zeigen, dass der Verfasser sein Innerstes nach außen kehrt und noch immer die Musik als sein persönlichstes Sprachrohr erlebt.

„Primitive Primal Scream“ ist ein Füllhorn an musikalischen Selbstzitaten, kann Bobby Orlando doch auf ein mehr als reichhaltiges Werk zurückgreifen und so ungeniert an Zeiten erinnern, als nicht alles besser war, aber unschuldiger, unbelasteter. Diese feinen Auswüchse zu erkennen und den warmen, weichen Strudel der Erkenntnis, dies schon einmal so oder leicht verändert, jedoch vertraut gehört zu haben, tut gut und beruhigt bei aller Dance-Power des Albums. Und bringt ein Gefühl zurück, dass in dieser hektischen Welt immer mehr zurückgedrängt wird: Überblick und Sicherheit. Viel wert, diese edle Spende.

 Bobby O - Primitive Primal Scream

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