Die letzte echte Milieu-Kneipe in Düsseldorf

Beim "Box-Papst" gibt es keinen Mittagstisch

Die letzte echte Milieu-Kneipe in Düsseldorf: Beim "Box-Papst" gibt es keinen Mittagstisch Die letzte echte Milieu-Kneipe in Düsseldorf: Beim "Box-Papst" gibt es keinen Mittagstisch Foto: Andreas Bretz
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"Beim Box-Papst" ist die letzte echte Milieu-Kneipe in Düsseldorf. Ende April schließt der Laden von Wilfried Weiser allerdings für immer. Ein Ortsbesuch in Oberbilk zwischen Rollstuhl und Killepitsch.

Es ist noch nicht einmal 19 Uhr, aber Günther und Oskar haben schon gut einen drin. Das ist heute nicht anders als an allen anderen Tagen. Die beiden hocken an der dunklen Holztheke, über ihnen eine Nebelwand aus Nikotin. Wieder und wieder lassen sie den Würfelbecher auf die Theke niedersausen, begutachten das Ergebnis und reagieren leicht zeitverzögert - wahlweise entzückt oder entsetzt.

Ihre Schreie mischen sich mit Daliah Lavis Sehnsuchtsruf "Oh wann kommst du". Schlagermusik, bevorzugt aus den 60er und 70er Jahren, gehört "Beim Box-Papst" zum guten Ton. Genauso wie Rauchen und Trinken. Das Angebot an nicht-alkoholischen Getränken ist überschaubar: Cola, Kaffee, Wasser. Fertig. Schorlen? Light-Getränke? Nicht hier. Dafür ist der Alkohol so billig wie sonst wohl nirgends in der Stadt. Alt 1,20 Euro. Schnäpse 1,50 Euro. Das ist mal ein Wort.

Box Papst 1 - image/jpeg Barfrau Conny arbeitet seit ein paar Monaten hinter der Theke der Kneipe. Nach dem 30. April ist Schluss.

"Trotzdem beschweren sich die Leute, dass es zu teuer ist", sagt Wilfried Weiser. Der 70-Jährige sitzt am letzten Tisch. Hinten links, gleich beim Gang zu den Toiletten. Vor ihm steht ein Alt. Den Reißverschluss der schwarzen glänzenden Lonsdale-Trainingsjacke hat er so weit aufgezogen, dass man den Schriftzug auf der Brust seines T-Shirts lesen kann: "Profi Box Gym Weiser Düsseldorf" steht da. Weiser ist Betreiber und Namensgeber des "Beim Box-Papst" in einer Person. Eine Legende. In bestimmten Kreisen.

Barfrau Conny arbeitet seit ein paar Monaten hinter der Theke der Kneipe. Nach dem 30. April ist Schluss. FOTO: Bretz Andreas
Hinter ihm liegt ein schweres Jahr. Neben dem Eingang steht sein Rollstuhl. Im März 2016 erlitt er einen Schlaganfall. "Von einer Minute auf die andere war ich ein Krüppel", sagt er. Den linken Arm und das linke Bein konnte er vorübergehend nicht mehr bewegen. Als er gerade wieder halbwegs hergestellt schien, versagte das Herz. "Ich wurde drei Mal am Herzen operiert, in einer einzigen Nacht", erzählt Weiser. Es klingt ein bisschen stolz, so, als wolle er sagen: Das hat vor mir noch keiner geschafft.

Derzeit lebt der 70-Jährige übergangsweise in einem Altenheim. "Senioren-Wohnpark", korrigiert er und grinst ein dreckiges Grinsen. Der Senioren-Wohnpark liegt gleich um die Ecke. Einen Steinwurf vom Bahndamm-Bordell entfernt. Und so geht sein Leben dort auf die Zielgerade, wo einst auch alles begann.

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Geboren wurde Weiser an der Vulkanstraße, 1946, der Zweite Weltkrieg war gerade vorbei. "Das war hier eine Puffstraße", erinnert sich der 70-Jährige. An der Vulkanstraße existierten seinerzeit vier oder fünf Bordelle. "Die Weiber haben auf der Straße angeschafft", so Weiser. Das Leben seiner Familie war über die Jahre eng mit dem Milieu verwoben. Weisers Vater arbeitete als Wirtschafter im Bahndamm-Bordell. Sohn Wilfried belieferte den Puff schon als Jugendlicher mit Brot und Brötchen. Später betrieb die Familie unter anderem einen Sexshop an der Graf-Adolf-Straße und ein Pornokino an der Vulkanstraße. Seit 1980 gibt es die Kneipe, erst unter dem Namen des Vaters, "Zum Jupp", nach seinem Tod dann als "Beim Box-Papst".

Zum Boxen kam Weiser durch den Sohn eines Freundes. Thomas Classen. Spitzname: der Bär von der Altstadt. "Ein Tier", erinnert sich Weiser. Gemeinsam trainierten die beiden beim ehemaligen Bundestrainer Heini Heese. Als Classen Peter Hussing bezwang, der zuvor in der Bundesliga 13 Jahre lang ungeschlagen gewesen war, nahmen die Dinge ihren Lauf. Der Schwergewichtler bekam einen Profivertrag beim Boxstall Sauerland. In der Folge kamen viele Boxer zu Weiser, um in der mittlerweile im Hinterhof des Hauses Vulkanstraße 27 gebauten Boxhalle zu trainieren. Henry Maske. Sven Ottke. Daisy Lang. Graciano Rocchigiani. "Rocky war der Beste, der hat sie alle weggehauen", sagt Weiser.

Viele der Sportler sind an den Wänden der Kneipe auf Fotos verewigt. Neben den Box-Größen finden sich auch Aufnahmen von Heino, Mr. T aus der US-amerikanischen Fernsehserie "Das A-Team" oder Siegfried und Roy, aber auch diverse Unterwelt-Größen wurden im Bild festgehalten. Bis heute findet im "Beim Box-Papst" regelmäßig der Ludenstammtisch statt. Mittlerweile firmiert er zwar unter "Milieu-Treff", aber die Beteiligten sind dieselben. Zehn bis 15 Herren, die früher mit rotlichtigen Geschäften ihr Geld verdienten. "Heute sind die aber alle Geschäftsleute. Oder leben vom Amt", sagt Weiser. Gesprochen werde in diesem Zirkel gerne über die alten Zeiten. Als in Köln Leute wie Schäfers Nas oder Dummse Tünn das Sagen hatten. Verglichen mit dieser Zeit gebe es heute gar kein Milieu mehr, findet Weiser: "Wo ist denn hier das Milieu? Auf dem Friedhof."

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Es ist ruhig geworden in der Kneipe. Die Musik ist aus. Noch nicht einmal acht Uhr. Günther und Oskar sind heimgegangen. Kein Glück am Becher. Die meisten Getränke, um die hier gespielt wird, gingen wieder an Barfrau Conny. Während sie Gläser spült, erinnert sich die 57-Jährige an einen wirklich gelungenen Abend an ihrem Arbeitsplatz. Karfreitag war das, so gegen neun. Sie wollte eigentlich gerade dichtmachen, weil nichts los war. "Dann kamen acht Engländer." Die Engländer wollten Flaschenbier, Flaschenbier und noch mehr Flaschenbier. "Wir haben uns mit Händen und Füßen verständigt", sagt Conny, "ich kann ja kein Englisch." Irgendwann fing einer an, auf der Sitzbank zu tanzen. Die anderen zogen nach. Das Ende vom Lied war, dass Conny auf der Bar tanzte.

"Das hat höllisch Spaß gemacht." Conny lacht und zieht an ihrer Zigarette. Sie arbeitet erst seit ein paar Monaten hinter der Box-Papst-Theke. Vorher war sie jahrelang Stammgast. Bis Ende April wird sie noch täglich außer Donnerstag und Sonntag um 16.30 Uhr öffnen. Allein schon für Günther und Oskar. "Die kommen fast jeden Tag", sagt sie. Ab dem 1. Mai werden sich die beiden allerdings eine andere Stammkneipe suchen müssen. Weiser hat das Haus verkauft. Der neue Besitzer wird die Kneipe zu Wohnraum umbauen lassen. Weiser wird im Haus gegenüber einziehen, dem mit dem Sex-Shop im Erdgeschoss.

Jetzt hat er aber auch genug von den Fragen. Er muss los, "gleich kommt ja Fußball". Conny hilft ihm in die Jacke, hievt seinen Rollstuhl auf den Bürgersteig: "Die Bremsen sind fest, Willi", sagt sie. Weiser drückt sich vom Tisch hoch und wackelt unsicheren Schritts in Richtung Ausgang. Auf halber Strecke dreht er sich um, um sich zu verabschieden. Standesgemäß, mit Ghetto-Faust.

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Quelle: RP